
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Der Film beginnt mit einem, vom Zuschauer als buddhistisch wahrgenommenen Vorspann eines gewissen Rama Krischna: Siddharta Gautama,/ der Buddha,// zeichnete mit roter Kreide/ einen Kreis und sagte:/ Wenn es vorherbestimmt ist,/ dass Menschen einander/ wiedersehen sollen,/ was auch immer ihnen geschieht,/ auf welchen Wegen sie auch wandeln,/ am gegebenen Tag werden sie einander/ unvermeidlich „im roten Kreis“ begegnen.//

Auf dieser DVD, die als EXTRA ausgewiesen sowohl den schon drei Jahre nach diesem Film aufgrund eines Schlaganfalls jäh verstorbenen 66jährigen Regisseur zu Wort

Wenn wir mit eigenen Worten VIER IM ROTEN KREIS als französischen Gangsterfilm klassifizierten, so liegen wir richtig, denn nun wird dieser dem Italo-Western gegenübergestellt, wo wir noch vom Western überhaupt sprachen. Es geht um den großen Coup, es geht um die Verfolgung Geflüchteter, Häftlinge und/oder Verbrecher, es geht um Männerfreundschaften, die einfach gute Kumpels sind, wortlos, aber gestenreich, es geht natürlich auch um Gewalt auf beiden Seiten und das nicht wenig und es geht um Verrat, auch auf beiden Seiten, wie hier im Roten Kreis, wo sich Rico mit dem Kommissar gegen die Schmuckräuber stellt, aber unter den Räubern auch der Ex-Polizist dabei ist, den Matthei erkennt und sagt: „Du?!“
Auf der EXTRA DVD sprechen zwar keine Schauspieler, aber die Experten sprechen über sie und auch darüber, warum Melville sie auf seinen Bildern haben wollte, weshalb er ihr Spiel dem anderer vorzog. Er hatte seine Lieblingsschauspieler, erst arbeitete er bevorzugt mit Jean-Paul Belmondo, dann mit Alain Delon, nur in einem Film mit beiden, die nicht nur Konkurrenten waren, sondern auch nicht nur im Leben, sondern in ihrem Spiel sehr unterschiedlich waren. Dazu gleich. Erst einmal müßte man den Hintergrund von Melville, der sich in den Aussagen über ihn auftut, klären. Denn er hatte vor dem Vier im roten Kreis einen Film gedreht, der sehr teuer und aufwendig war und sein großer cineastischer und auch politischer Erfolg, der größte Film der Nachkriegszeit werden sollte: die Geschichte der Résistance: ‚Armee im Schatten‘ mit Simone Signoret und Lino Ventura, der aber mit 1, 5 Millionen Zuschauern im cinophilen Frankreich im Jahr 1969 kein Hit wurde.

Das ist schon interessant, über die Zusammenarbeit und die Einschätzung der persönlichen Verhältnisse etwas zu hören, von Leuten, die darüber sprechen können, weil sie dabei waren.
Für Melville war Alain Delon als Corey also gesetzt, aber als Mattei hatte er Lino Ventura vorgesehen, Jean-Paul Belmondo als Vogel und Paul Meurisse als Jansen, den dann Ives Montand spielte, den Melville völlig akzeptierte, während Vogel vom Italiener Gian Maria Volonté dargestellt wurde, mit dem sich Melville ständig überwarf, was aber zu schlucken nötig war, denn es ist eine französisch-italienische Ko-Produktion. Überraschend, was die Experten im EXTRA über den Kommissar sagen, der nebst Corey die zweite Hauptfigur darstellt. Denn der ihn darstellende André Bourvil war als Komiker bekannt und beliebt, war ausdrücklich kein Melville-Schauspieler, wurde aber in diesem Film zu einem. Seine Wandlung bewunderte Melville. Bourvil selbst war bei den Dreharbeiten schon krank und starb im September, konnte nie den fertigen Film sehen.

Melville zog auch seine Schauspieler gut an, mit Hüten, eben als Herren. Und noch etwas hört man mit großem Interesse. Die Einstellung des Regisseurs zu seiner Arbeit. Melville liebte das Drehbuch schreiben. Dann war der Film für ihn fertig. Er liebte auch, den Film zu schneiden, Das war die zweite Filmfertigstellung. Aber er haßte die Dreharbeiten. Er konnte oft die Kameraleute nicht leiden oder hatte einfach an den Unwägbarkeiten im realen Leben, dem realen Filmleben keinen Spaß, er war Perfektionist, da stören die Aufnahmen, wenn man vorher schon alles im Kopf hat, deshalb gab er auch vor den Szenen noch einmal genau vor, wie er sich alles vorstelle, wer was machen sollte. Und deshalb ließ er seine Filme nachsynchronisieren. Das war mir völlig neu. Zwar sprachen die Schauspieler in den Filmaufnahmen nach Drehbuch, aber Melville liebte Feinheiten, weshalb in der Nachsynchronisation so lange gesprochen wurde, bis es ihm gefiel. KONTROLLE und PERFEKTION sind also die Stichworte, die die Filmarbeit von Melville zusammenfassen, worin er dem Regisseur Stanley Kubrick gleicht.
Fotos:
© Verleih
Info:
Frankreich, 1970
FSK ab 16 freigegeben
Bestellnummer: 10330335
Erscheinungstermin: 10.12.2020
Serie: Arthaus
Thriller, 135 Min.
Regie und Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Rolle und Darsteller
Corey Alain Delon
Commissaire Mattei. André Bourvil
Jansen Yves Montand
Vogel Gian Maria Volonté
Santi François Périer
Hehler Paul Crauchet
Gefängnisaufseher Pierre Collet
Rico André Ekyan