monte2Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 16. Dezember 2021, Teil 3

Redaktion

Tessin (Weltexpresso) - Wie hast Du Dich auf die Rolle vorbereitet und hat Corona die Vorbereitungen erschwert?

Ein halbes Jahr vor Drehbeginn war das erste Casting, die erste Berührung mit der Figur Hanna Leitners. Von da an habe ich mich intensiv mit dem Monte Verità und seiner Geschichte auseinandergesetzt. Ich habe die Zeit um 1906 recherchiert, von Frauen aus dieser Epoche Texte gelesen und mich so mehr und mehr vertieft. Schauspielcoach Teresa Harder hat mich betreut, zum Teil auch zusammen mit Hannah Herzsprung, die die Figur Lotte Hattemers spielt, was mir geholfen hat, um mit einer der «realen» Figuren des Monte Veritàs in Kontakt zu kommen.

Es gab zwischendurch auch immer wieder Castingsituationen für Nebenrollen. Stefan Jäger und ich hatten uns durch diesen ständigen Kontakt gut eingespielt. Und dann hatten wir eine Woche Probe auf dem Monte Verità. Das war sehr hilfreich. Wir sind wandern gegangen, haben die Atmosphäre aufgesogen, uns gegenseitig Texte aus der damaligen Zeit vorgelesen. Dadurch haben wir uns besser kennengelernt und Vertrauen aufgebaut.

Und dann gab es natürlich noch all die praktischen Sachen: Die Kurrentschrift einüben, mich mit den alten Kameras auseinandersetzen und ihre Handhabung einstudieren. Ich habe einen Fotografen getroffen, der eine grosse Sammlung mit historischen Kameras hatte, die – wenn man es einmal durchschaut hat – doch relativ einfach funktionieren. Corona hat die Vorbereitungen einerseits erleichtert, da ich mehr Zeit hatte und viel zuhause war, v.a. im ersten Lockdown. Andrerseits war ständig die Unsicherheit im Raum, ob überhaupt gedreht werden kann oder ob verschoben werden muss, was wiederum mit meinem Engagement am Burgtheater schwierig geworden wäre. Es gab Castings via Zoom, was sich anfänglich seltsam angefühlt hat, dann aber doch gut funktioniert hat.

Die Angst, dass das Projekt durch Corona scheitern könnte, war bedrückend.


Hat Dein eigenes Muttersein Dir geholfen, das Dilemma von Hanna Leitner zu verstehen oder hat es das eher schwierig gemacht?

Beim Casting für «Monte Verità» war mein eigenes Kind sehr klein und ich habe es noch gestillt. Mir persönlich hat das geholfen zu verstehen, welche Bindung man dadurch mit dem eigenen Kind eingeht.

Ich will das gar nicht werten, ob es gut oder schlecht ist, ein Kind zu stillen. Für mich hat es einfach die Figur der Hanna Leitner zugänglich gemacht im Wissen darum, dass sie als Adlige in der damaligen Zeit ihre eigenen Kinder nicht stillen durfte.

Der Kontakt zu den eigenen Kindern war damals grundsätzlich weniger persönlich als es heute der Fall ist. Kinder haben ihre Mutter gesiezt. Man hatte eine erzieherische Funktion, die Mutterliebe stand im Hintergrund. Körperliche Berührungen und Geborgenheit - all das war gar nicht vorgesehen in dem Stand, in dem Hanna Leitner lebte.

Durch mein eigenes Muttersein konnte ich eher nachvollziehen, was die Liebe zu einem Kind bedeutet und wie unendlich schmerzhaft es sein muss, ein Kind über längere Zeit nicht zu sehen oder es sogar zu verlieren.


Wie hast Du den Monte Verità erlebt?

Für mich war das von Anfang ein Ort, der etwas sehr Kraftvolles ausstrahlt. Da ist eine starke Energie, aber auch eine Ruhe und eine grosse Magie. Die Spuren von damals so unmittelbar zu sehen und zu erleben hat mich berührt.

Die wilde Natur hat mich zudem an meine eigene Kindheit erinnert. Ich bin in den Donauauen aufgewachsen. Das war für mich auch immer ein kraftvoller Ort: Die wilden Bäume, das Wasser, der Wind... Neben all dem habe ich auf dem Monte Verità auch gespürt, was da alles geschehen sein muss im letzten Jahrhundert und wieviel kreative Energie heute noch gespeichert ist.


Was ist Dir von den Dreharbeiten in Erinnerung geblieben?

Wir haben sehr viel im Freien gedreht. Diese großartige Kulisse und diese Natur, die einfach so präsent war in diesem ersten Teil der Dreharbeiten, den Wind beim Dreh zu fühlen, die Freiheiten, die wir häufig vor der Kamera hatten, die unseren Bewegungen gefolgt ist... daran erinnere ich mich heute noch.

Besonders war auch der letzte Drehtag in Cannobio, der letzte Aussendrehtag. Wir haben auf einer historischen Fähre gedreht. Wir hatten noch 30 Minuten bis Sonnenuntergang und mussten unter diesem Zeitdruck eine sehr wichtige Szene drehen. Ich war noch in der Maske und als ich an den Hafen kam, rannte mir der Regisseur schreiend entgegen: «Du musst auf das Schiff, hier sind Deine Requisiten, alle Statisten sind vorbereitet, die Kamera läuft...» Ich lief ohne ein einziges Mal zu proben auf das Schiff – das habe ich so dermaßen genossen, ich konnte keine Sekunde überlegen, was ich mache. Ich musste es einfach tun, durfte aber auch nichts falsch machen. Unter einem solchen Stress zu drehen, wenn alles zusammenfliesst und jeder seinen Job macht und da ist diese riesige Maschine, dieses Schiff – das hat eine unglaubliche Energie freigesetzt – das war ein Moment, der magisch war... Und als die Sonne unterging, sah ich am Hafen meine Familie, die gerade zu Besuch war und mir nach dem Take zugewunken hat.


Was hat die Geschichte für Dich mit unserer Gegenwart zu tun?

Alles! «Monte Verità» erzählt in meinen Augen eine hochaktuelle Geschichte. Vielen Frauen, die einen Traum haben, geht es heute doch noch nach wie vor genau gleich wie damals. Sie werden immer noch auf ihre Rolle als Mutter reduziert. Und wenn Frauen als Künstlerinnen leben wollen, haben sie einen viel steinigeren Weg vor sich als Männer.

Auf der anderen Seite ist auch die Lebensform auf dem Monte Verità höchst modern: Die vegane Ernährung, die Gleichstellung von Frau und Mann, die Form der Freiheit, die freie Liebe und welche Liebe auch immer und wie man sie auslebt - das nicht zu werten, sondern die Freiheit zu haben, selber zu entscheiden... All das könnte moderner nicht sein.