nachmitternachtIrmgard Keuns NACH MITTERNACHT, Frankfurt liest ein Buch,  2. – 15. Mai 2022, Teil 6

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Tja, so kann es einem gehen, wenn man sich auf etwas besonders freut und dann doch enttäuscht von dannen zieht. So ging es mir mit der Verfilmung NACH MITTERNACHT, von Wolf Gremm als Regisseur, der auch mit Annette Regnier, nach Keuns Roman das Drehbuch schrieb. Und diesmal kann ich meine Distanz zum Film auch klar benennen. Sie liegt einerseits daran, wie Gremm die Orte des Romans zusammenschnurren läßt und andererseits an der Besetzung.

Zugegeben, es ist ziemlich schwierig, diesen Roman zu verfilmen, weil die konkrete Handlung nur das eine ist, aber im anderen die geheime Kraft von NACH MITTERNACHT liegt. Das sind nämlich die Selbstgespräche, der Gedankenfluß, die Reflexionen, die in der Hauptfigur, der jungen Sanna unaufhörlich ablaufen und die uns die Lebenswirklichkeit von Menschen zeigen, die Stück für Stück von einer Gesellschaft, die sich freiwillig in die Arme des Faschismus wirft und sich zu dessen Vollstrecker machen,aufgefressen, vernichtet werden.

Wie Sanna in ihrer vorwitzigen, aber im Ton einer naiven jungen Frau die dollsten Bretter bohrt und die kleinbürgerlich, absolut bösartige Welt der kleinen Leute charakterisiert und analysiert, darin liegen Charme und Durchschlagskraft des Romans. Von daher ist die Rolle der Sana mit einem jungen Mädchen wie es Désirée Nosbusch war, einfach fehlbesetzt. Damit das klar wird, die junge Nosbusch macht als Sanne Moder ihre Sache gut; ihr ist überhaupt kein Vorwurf zu machen. Aber sie spielt ein junges Mädchen, das vom Land in die Stadt kommt und nicht eine junge Frau, die es hinter ihrer vorgeschobenen Naivität faustdick hinter den Ohren hat und durchblickt.

Wenn der 110 Minuten lange Film am Anfang immer wieder einen Zug auf seiner Fahrt entlang dem Rhein zeigt und am Schluß Sanne mit ihrem Franz und anderen auf dem gleichen Weg zurück, aber weiter nach Holland fährt, ins Exil, dann kann man das als Symbol verstehen. Aber so einfach ist das nicht. Im Film kommt Sanna direkt vom Haus der Eltern an der Mosel nach Frankfurt zu ihrer Tante Adelheid. Im Roman dagegen ist der Dreierschritt zwangsläufig dramaturgischer Ausdruck der Entwicklung von Sanna: sie will das kleinkarierte Elternhaus verlassen und kommt zu Tante Adelheid nach Köln, die dort ein Geschäft betreibt, in dem das Geld ihrer verstorbenen Mutter steckt. Sie ist der anale Charaketer schlechthin, will alles beherrschen und tyrannisiert als Blockwart das ganze Haus. Eine verabscheuungswürdige, sehr eindimensionale Frau.

Auch hier kommt durch die Besetzung mit Nicole Heesters als Tante Adelheid eine andere Person ins Spiel. Allerdings, wie ich finde, zum Besseren. Sie bleibt so gemein und durchtrieben wie im Roman, aber hat liebenswürdige Strategien und ist nicht eine solche Xanthippe wie im Roman. Das gefällt mir.

Aber kommen wir zum Wesentlichen.Dadurch, daß Gremm das junge Mädchen, wie gesagt, nicht die junge Frau, direkt nach Frankfurt fahren läßt, wird der Kölner Zwischenaufenthalt nicht als die erste Erfahrung der Sanna mit dem nationalsozialistisch verseuchten sozialen Klima zwischen den Menschen dokumentiert. Das aber wäre notwendig, um den nächsten Erfahrungsschritt von Sanna in Frankfurt überhaupt erkennen zu können.

So wird im Film ein großes Durcheinander, das nur noch zeitlich, aber nicht mehr räumlich, die Personen hintereinander abwickelt. Es geht eins ins andere über. Die Personen bleiben eindimensional. Die Liebesgeschichte der Sanna mit ihrem Cousin, Tante Adelheids Franz bleibt fad. Die Geschwisterbeziehung zwischen Algin und Sanna blaß. Was Spaß macht, ist der Frankfurter Lokalkolorit, wenn Frankfurterisch gesprochen wird. Aber das Faschistische in den Reden und Handlungen kommt weniger raus. Das Ambiente, die wirkt viel stärker in den Zwanzigern verwurzelt, als in den Dreißigern.

Den Roman zu lesen, ist sehr sinnvoll. Den Film zu sehen, muß leider nicht sein.

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Info:
Stab
Regie Wolf Gremm
Drehbuch Annette Regnier, Wolf Gremm

Besetzung
Désirée Nosbusch: Susanne „Sanne“ Moder
Wolfgang Jörg: Franz
Nicole Heesters: Tante Adelheid
Hermann Lause: Algin
Krista Stadler: Lisa
Marion Kracht: Gerti
Kurt Weinzierl: Dr. Breslauer
Wolfgang Müller: Paul
Norbert Kentrup: Heini