
Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Die Ausstellung zeichnet den Weg durch die Filmgeschichte von Zeugnissen erster Versuche einer bewegteren Kameraführung bis zu den immer perfekteren Kamerafahrten der Jetztzeit nach und legt den Fokus auf jene Bewegungen, die als lange, ungeschnittene Einstellungen ganze Handlungseinheiten im Film bilden: „Plan-séquences“, „Sequence Shots“, oder eben „Plansequenzen“, wie sie nicht ganz eindeutig in der deutschen Übersetzung heißen.
„Es ist schon sehr spannend zu sehen, wie diese Sequenzen entstanden sind, welcher Aufwand dahintersteckt, welche Herausforderungen für Cast & Crew, aber noch viel wichtiger und bemerkenswerter ist für mich, welche dynamische Wirkung diese ungeschnittenen bewegten Bilder entfalten, wie ungemein ästhetisch und packend sie sind“, betont Kurator Michael Kinzer. Die aufwändige Kameratechnik und Logistik hinter der Produktion von Plansequenzen spielt daher eine untergeordnete Rolle in der Ausstellung, auch wenn als Einstieg technische Objekte aus der Gerätesammlung des DFF die Besucher:innen im Ausstellungsfoyer in das Thema einstimmen werden.
Doch sind dies die einzigen analogen Exponate, die sie zu sehen bekommen – im Ausstellungsraum selbst wird Technik nur in Form von Werkfotos und Making of-Aufnahmen gezeigt, die digital auf Monitoren präsentiert werden. Im Zentrum stehen die fertigen Filmbilder, die ohne Schnitte, teils mehrere Minuten lang, die Betrachter:innen in ihren Bann ziehen. Waren die Kamerawagen (Dollies) und Hebevorrichtungen der 1920er Jahre noch sehr improvisierte, individuelle Konstruktionen, wurden in den Folgejahrzehnten die Hilfsmittel für Kamerabewegungen immer elaborierter und standardisierter. Kamerakräne ermöglichten Musical-Choreographen wie Busby Berkeley in den 1930er Jahren aufwändige MassenTanzszenen aus der Vogelperspektive. Legendär ist auch die Kran-Szene aus GONE WITH THE WIND (Bild rechts, US 1939, R: Victor Fleming), in der Scarlett O’Hara die tausenden bei der Schlacht von Atlanta verletzten Soldaten entdeckt und ihr Gang über das riesige Gleisfeld voller Verletzter von einer immer höher steigenden Kamera eingefangen wird. https://www.youtube.com/watch?v=qSEVyzKmlyU
Parallel zu den Musicals in den USA zeichneten sich in Deutschland die Tonfilmoperetten aus dieser Zeit, etwa Erik Charells DER KONGRESS TANZT (DE 1931), durch eine sehr dynamisch eingesetzte Kamera aus. Die schwungvollen Melodien und Tanzbewegungen wurden in ebenso schwungvolle Kamerabewegungen übertragen. Ein anderes Genre, das zunehmend von Plansequenzen profitierte, war der Kriminalfilm. Während die Kamera in Fritz Langs M (DE 1931) in einer beachtlichen zweieinhalbminütigen Einstellung durch eine Kneipe gleitet, ein Stockwerk hinaufsteigt, ein geschlossenes Fenster überwindet und dabei Prozesse des organisierten Verbrechens offenlegt, wird in dem Film Noir THE KILLERS (US 1946, R: Robert Siodmak) ein perfekt geplanter Überfall von einer ebenso perfekt geplanten zweiminütigen Kranbewegung eingefangen. Andere Film Noirs nutzten die neu gewonnene Kameramobilität, um die Handlung aus einer subjektiven Perspektive zu zeigen. DARK PASSAGE, (US 1947, R: Delmer Daves), war der erste Spielfilm, in dem die in Deutschland entwickelte Arriflex 35 (die weltweit erste Spiegelreflex-Filmkamera, die zuvor vor allem für Wochenschauaufnahmen eingesetzt worden war) zum Einsatz kam. Dank ihrer Handlichkeit konnte Humphrey Bogarts hektische Flucht vor der Polizei, die wir durch seine Augen erleben, „on Location“ im Freien gedreht werden. https://www.youtube.com/watch?v=dAN3bZjxBIo)
Foto:
©dff.film
Info:
https://www.dff.film/wp-content/uploads/2025/03/PM-Entfesselt-Haupt_FM_final_f.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=vm97MdLVdPU