GoEast:15. Festival des mittel- und osteuropäischen Films, von Freitag, 24., bis Mittwoch, 29. April in Wiesbaden, Teil 7

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Im Kern geht es im Film aber um die unglaublichen Ereignisse von 1968. In einer Zeit, in der es auch im kommunistischen Polen Studentenproteste gab und das Regime insgesamt angeschlagen war, machte sich die kommunistische Partei unter der Führung ihres Vorsitzenden Gomulka daran, für die miese Situation die Juden verantwortlich zum machen, die sozusagen als fünfte Kolonne des feindlichen Westens das gute und gerechte Polen zersetzen.

 

Das war einfach ein erneuter perfider Antisemitismus. Daß zusätzlich der Fünftageskrieg und Sieg der Israelis vom Juni 1967 den polnischen Juden auch noch in die Schuhe geschoben wurde, bzw. jeder, der dies begrüßte, zum Staatsfeind und nur noch Zionist genannt wurde, kommt strafverschärfend hinzu.

 

Schade, daß der Film nicht länger war und wir den Lebensweg einiger der zur Ausreise gezwungenen Juden nicht haben miterleben können. So wissen wir nur, daß sie in alle Welt verstreut sind, die meisten sehr erfolgreich waren – was war mit den anderen? - , 20 Jahre lang in Polen nicht einreisen durften und auch die Gräber ihrer zurückgebliebenen Väter und Mütter nicht besuchen durften.

 

Das Mindeste ist es, die Erinnerung daran wachzuhalten, was dieser Film von Leo Kantor - oben im Bild - tut. Man sollte den Film also zeigen, überall, vor allem aber auch in Polen. Denn dort, so hieß es in der anschließenden Diskussion, sei anders als im Westen, die antisemitische Politik, zugespitzt im März 1968 durchaus bekannt. Wenn das so wäre, dann wundert es einen, daß sich die Trauerarbeit der Polen nicht in mehr Information niedergeschlagen hat, nicht in Romanen, Sachbüchern, Theaterstücken - und auch nicht in Filmen, sieht man von IDA ab.

 

Denn eigentlich darf man vom heutigen Polen eine filmische Aufarbeitung der unwürdigen Geschichte von der Vertreibung ihrer Juden 1968 erwarten und dies nicht denen aufbürden, die aus dem Land, ihrem Vaterland und ihrer Muttererde geworfen wurden. Aber so sind wir erst recht froh, daß mit Leo Kantor derjenige, der vertrieben wurde, in AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN LANDSCHAFT der Landschaft und Heimat ein Denkmal setzt und uns vom erzwungenen Exodus erzählt.

 

P.S.

Ach ja, der Film beginnt mit roten Johannisbeersträuchern, zu denen wir ja Ribiseln sagen, die in Schweden so wachsen – und dem Enkel nicht schmecken – wie in der polnischen Heimat, die wir danach im Bilde sehen. Rote Johannisbeeren – ein Sinnbild, eine Metapher? Für Blut zum einen, für das immer wieder Wachsen zum anderen. Denn Jahr für Jahr sind sie im Winter entlaubt – sie brauchen sogar den Frost – und schlagen dann erneut aus und tragen diese süßsäuerlichen Früchte in Dolden.

 

 

Info:

 

IN SEARCH OF LOST LANDSCAPE

Dokumentarfilm; 40 Minuten

Regisseur: Leo Kantor

Kamera: Jacek Knopp, Arthur Lukaszewicz

Schnitt: Grzegorz Mazur

Musik : Przemyslaw Ksiazek

Produzent: Andrzej Stachecki V-Film & Kulturforum, Schweden