Serie: DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER, ab 1. Oktober in deutschen Kinos, Teil 5

 

Kirsten Liese

 

Berlin (Weltexpresso) – Sicher ungewöhnlich, daß wir einem einzigen Film eine solche Reihe von Besprechungen und Interviews widmen. Dazu muß man wissen, daß Fritz Bauer eine singuläre Gestalt im Nachkriegsdeutschland war, was seine Entschlußkraft angeht, durch Aufklärung der Naziverbrechen, die ja in deutschem Namen geschahen, der Jugend die Orientierung für eine andere Gesellschaft, einen demokratischen Staat zu geben. Die Redaktion

 

Fritz Bauer erfreut sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit bei den Filmemachern. Den Anfang machte Ilona Ziok mit ihrem Dokumentarfilm „Fritz Bauer- Tod auf Raten“, dann widmete Petzold ihm seinen Spielfilm „Phönix“, dann folgte der Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“ von Giulio Ricciarelli mit Gert Voss als Fritz Bauer. Was war Ihre Motivation, noch einen weiteren Film über den hessischen Generalbundesanwalt und Demokraten zu drehen?

 

Kraume: Warum verschiedene Filmemacher dieses Thema jetzt zur gleichen Zeit entdecken, weiß ich nicht, aber oft liegen die Dinge einfach in der Luft.

Es gab eine Weile jedes Jahr mehrere Filme, die sich mit der Baader-Meinhoff-Gruppe und am Deutschen Herbst beschäftigt haben und plötzlich sind eben diese stummen 50er Jahre für uns interessant. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die letzten Zeitzeugen sterben. Und dass es jetzt Zeit wird, über die Gründungsjahre der Bundesrepublik zu erzählen.

 

Der Dokumentarfilm von Ilona Ziok ist schon etwas älter, den kennen alle, die jetzt einen Film über Fritz Bauer gemacht haben, die anderen Filme sind parallel entstanden. Ich habe Fritz Bauer für mich entdeckt, bevor ich den Dokumentarfilm gesehen habe. Vor vier Jahren, als mein Koautor Olivier Guez sein Buch „Heimkehr der Unerwünschten-eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ veröffentlichte, indem es um die Frage geht, wie jüdisches Leben nach 1945 in Deutschland wieder stattfand und sich jüdische Gemeinden entwickelt haben. In diesem Buch begegnet einem auch Fritz Bauer. Spontan habe ich zu Olivier gesagt, das ist eine tolle Persönlichkeit, über ihn müsste man einen Film machen, weil er der einzige Ankläger in der sonst stummen Zeit war.

 

 

Warum entstanden Filme über diesen wichtigen Mann nicht schon viel früher?

 

LK: Das mag der menschlich verständliche Reflex erklären, über das unglaubliche Grauen im Dritten Reich einfach nicht reden zu können. Ich habe unlängst den Dokumentarfilm „Night Will Fall“ über die Befreiungen in den Konzentrationslagern gesehen. Er erschien den britischen Offizieren offenbar so hart, dass sie ihn den Deutschen direkt nach dem Krieg nicht zeigen wollten, einfach weil man dachte, dass die Bevölkerung das nicht ertragen kann. Und so kam es eben schnell dazu, dass im Grunde alle einen Schlussstrich ziehen wollten: die Alliierten, die Täter, die Opfer. Keiner sprach über dieses Grauen.

 

Deshalb war Fritz Bauer so wichtig, weil er darauf beharrte, darüber zu reden im Wissen, dass die neue Republik sonst keine richtige Zukunft gehabt hätte. Es gibt einige kluge Texte von ihm, wo er fordert, dass wir uns nur um unseren wirtschaftlichen Aufschwung kümmern, sondern auch eine neue Idee von diesem Land haben müssen.

 

 

Sie selbst haben die 50er Jahre nicht erlebt, aber Ihre Eltern. Was konnten Sie über diese Zeit erfahren?

 

LK: Meine Eltern waren in den 50er Jahren Teenager, sie sind Jahrgang 41,42, und kennen diese Zeit natürlich bestens und haben mir viel erzählt. Sie waren damals voller Lebenslust und erlebten die Tanztees und den ganzen Kram, aber auch, dass es nicht um die Aufarbeitung ging und sie keine Fragen an die Elterngeneration stellten, nicht nachforschten, was war da eigentlich los.

 

 

Fritz Bauer hat sehr viel geleistet: Er hat den Remer-Prozess geführt, er hat wesentlich zur Festnahme Adolf Eichmanns beigetragen und die Frankfurter Auschwitz-Prozesse initiiert. Ihr Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ konzentriert sich ganz allein auf die Festnahme Adolf Eichmanns. Warum?

 

LK: Biopics sind ein schwieriges Genre, sie folgen oft einer „und dann“ Dramaturgie, die keinen wirklichen Höhepunkt für den Zuschauer bildet. Wir wollten diese Suche nach Eichmann als dramatischen Rahmen nehmen, und daran unser Portrait von Bauer zeichnen. Neben den dramaturgischen Erwägungen fanden wir es auch erstaunlich, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, dass hinter der Verhaftung dieses Mannes ein deutscher Staatsanwalt steckte. Bauer selber hat die Geschichte ja geheim gehalten. Sie kam erst lange nach seinem Tod raus.

 

 

Bevor Fritz Bauer für das Kino entdeckt wurde, war er quasi in jüngeren Generationen nahezu unbekannt. Dabei gibt es seit vielen Jahren das Fritz-Bauer-Institut, von dem man annehmen sollte, dass es zum Gedenken an diesen bedeutenden Mann irgendwie eintritt. Wie erklären Sie sich, dass Fritz Bauer erst durch einige Filme bekannt wurde?

 

LK: Meiner Meinung nach müsste Fritz Bauer in Deutschland viel bekannter sein. Es sollten Straßen und Plätze nach ihm benannt werden. Ein Grund, warum das nicht so ist, liegt bestimmt daran, dass in Deutschland seit '48 das geflügelte Wort geht, "es müsse jetzt mal ein Schlussstrich" unter den Krieg gezogen werden. Und da Bauer jemand ist, der natürlich das schlechte Gewissen rührt mit seinen unbequemen Fragen, hat man ihm in Deutschland keinen großen Raum gegeben. Dem Fritz-Bauer-Institut dafür die Schuld zu geben, halte ich für vollkommen falsch. Es dauert offensichtlich lange, bis Deutschland einen anderen Umgang mit seiner Geschichte findet. Die "Stolpersteine" zum Gedenken an Deportationen etwa, die "Wehrmachtsausstellung", die von Joschka Fischer in Auftrag gegebene Untersuchung der Verwicklungen des Auswärtigen Amtes ins Dritte Reich - all diese Initiativen sind ja auch erst in den letzten Jahren ins Rollen gekommen. 

 

 

Welche Rolle spielte bei Ihren Recherchen das Fritz-Bauer-Institut?

 

LK: Ich bin in einem ganz frühen Stadium meines Projekts mit dem Fritz Bauer-Institut in Kontakt getreten, dort kennt man es von der ersten Stunde an. Das Fritz Bauer Institut stand mir jederzeit zu allen Fragen, zu allen Recherchen zur Verfügung. Meine Ansprechpartner haben mir auch zu strittigen Punkten beide Positionen genannt, mich auch immer darauf hingewiesen, wenn neue Publikationen zu der einen oder anderen Debatte erschienen. Niemand hat versucht, mich mit dem Projekt zu vereinnahmen.

 

 

Es gab mittlerweile große Dispute und regelrechte Schlachten in den Feuilletons über unterschiedliche Details zu Bauer, es ging dabei um seine vermutete Homosexualität und seinen denkwürdigen Tod, von dem einige sagen, dass es Mord war. Insbesondere zwischen dem Institut und der Regisseurin Ilona Ziok sind da sehr emotionale Streitdebatten entbrannt. Inwiefern war das für Ihr Projekt relevant?

 

LK: Ich hab diese Debatten verfolgt. Es existiert die Meinung, Bauer sei nicht homosexuell gewesen, es sei falsch, ihn als Juden darzustellen, er sei ermordet worden und habe sich nie unterworfen. Das sind so die Hauptaspekte, über die gestritten wird.

 

Diese Menschen sorgen sich darum, dass das Andenken an diesen großen Mann geschmälert würde, zumal ihm auch Rachsucht als Jude unterstellt wurde, und sagen, seine Sexualität täte nichts zur Sache. Das stimmt insofern nicht ganz, finde ich, weil Homosexualität zu dieser Zeit unter Strafe stand. Und wenn man als Generalstaatsanwalt tätig sein und Nazis vor Gericht stellen wollte, konnte man seine Sexualität nicht leben, musste sie sozusagen unterdrücken. Und das ist ein Opfer, das zu verlangen für jeden Menschen wahnsinnig groß ist. Jeder erwachsene Mensch glaubt das Recht auf sexuelle Freiheit zu haben, aber Fritz Bauer hatte sie nicht. Wenn er homosexuell war, was ein Ausländerreport der dänischen Polizei sehr nahe legt, kann ich nicht nachvollziehen, warum das sein Ansehen schmälern soll. Für mich ergibt sich daraus viel eher, dass dieser Mann wahnsinnige Opfer gebracht hat, die kaum ein anderer Mensch, den ich kenne, für seinen Beruf und seine Ziele im Leben bringen würde.

 

 

In ihrem Film wird Bauer von Burghardt Klaußner verkörpert. Anders als Gert Voss in dem Film „Im Labyrinth des Schweigens“ sieht er Bauer sehr ähnlich. Wie wichtig war das für den Film?

 

LK: Sehr wichtig. Mein Film portraitiert einen Mann, den es gab, da sollte er schon so ähnlich aussehen. Die äußere Erscheinung eines Menschen ist ja ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit, auch sein Gestus und Duktus, und beides war sehr exzentrisch und eigen bei Bauer. Es erzählt auch viel über ihn, seine schwäbische Wurzeln zum Beispiel.

 

 

Wie Giulio Ricciarelli in „Labyrinth des Schweigens“ erfinden Sie einen fiktiven jungen Staatsanwalt dazu. Warum?

 

LK: Karl Angermann steht symbolisch für alles, was Fritz Bauers Wirken war im Hinblick auf diese junge Generation. Angermann ist genau in dem Alter der Leute, an die Bauer sich gerichtet hat: zu jung, um im Dritten Reich Funktionen übernommen zu haben, alt genug, um in der Bundesrepublik aber Verantwortung zu übernehmen. Das war die interessante Generation für Fritz Bauer. Er wollte, dass Leute wie Angermann sich rühren und mühen wie zum Beispiel in Wirklichkeit Thomas Harlan.

 

Wir haben eine solche Figur aus dramaturgischen Gründen fiktionalisiert, sonst hätte man dem Leben einer weiteren realen Person auch gerecht werden müssen und hätte sich kaum noch bewegen und Szenen erfinden können. Angermann symbolisiert alle jungen Leute, zu denen Bauer ein mentorenhaftes Verhältnis gepflegt hat.

 

Bauer zeigen wir als einen Mann, der selbst schon homosexuelle Erlebnisse hatte und versteht, was das bedeutet. Angermann dagegen ist verkappt schwul und darf das nicht sein. Diese Tyrannei, diese Unfreiheit steht für die Fortführung all der moralischen Verschärfungen und Missstände, die die Nazis noch hinterlassen hatten.

 

 

Die Faktenlage, dass Fritz Bauer ermordet wurde, ist aus juristischer Sicht ziemlich eindeutig. Zumal Bauer, wie er auch in ihrem Film sagt, eine Pistole bei sich hatte. Hätte er Suizid begehen wollen, hätte er sich erschießen können. Diesen Aspekt, der ja ein noch übleres Licht auf die Justiz der jungen BRD wirft, greifen Sie in Ihrem Film nicht auf. Aus welchem Grund?

 

LK: In unseren Recherchen konnten wir keine eindeutigen Beweise finden, dass Dr. Bauer ermordet wurde. Ich halte das für eine Behauptung. Meiner Meinung nach ist Fritz Bauer eines natürlichen Todes gestorben. Unser Film ist ein Portrait dieses deutschen Helden, und selbst wenn wir es als Thriller erzählen, mussten wir natürlich bei der Wahrheit bleiben.