MITTENDRIN. Persönliches Tagebuch der BERLINALE 2016 vom 11. bis 21. Februar, Tag 2

Hanswerner Kruse

Berlin (Weltexpresso) - Was für ein Tag! Die Berlinale beginnt mit der Pressekonferenz der internationalen Jury des Wettbewerbs. Der Konferenzsaal ist bereits eine Stunde vorher mit 350 Journalisten und TV-Teams gefüllt, mehr kommen nicht rein.

 

Warten! Anstehen! Warten!“, heißt es jetzt und in den nächsten Tagen. Aber für mich ein Luxusproblem, denn am Hintereingang warten die Schaulustigen stundenlang im Regen, nur um einen Blick auf Meryl Streep oder, später, George Clooney zu erhaschen.

 

Streep bekennt freimütig und bescheiden, sie leite zum ersten Mal eine Jury und wüsste eigentlich nicht, wie man das mache. Aber sie freue sich darauf, zehn Tage lang nur Filme zu schauen und darüber zu reden: „Das ist ein Luxus!“ Die Frage nach den Entscheidungskriterien gibt sie an ihr Team weiter. Die seien schon sehr wichtig, kommentiert die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska, schließlich habe sie bei der letzten Berlinale einen silbernen Bären erhalten. Das habe ihre Karriere sehr gefördert.

 

Lars Eidinger, der Berliner Schauspieler, ist auch in der Jury. In seinen Filmen, etwa im letzten „Tatort“ („Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“) oder im Theater mit „Richard III“ spielt er böse und doch leidende, gebrochene Menschen wie einst der legendäre Klaus Kinski. Eidinger meint, er bewerte für sich selbst ständig Filme. Ihm käme es nicht darauf an, sie zu verstehen, vielmehr wolle er sie empfinden: „Ich will berührt werden, ich will gepackt werden!“

 

Die Jury verbreitet eine entspannte und familiäre Atmosphäre, bei den Gesprächen und Diskussionen wird es nicht wie in einem filmwissenschaftlichen Seminar zugehen.

Nach dem anschließenden großartigen und gar nicht düsteren Eröffnungsfilm „Hail Caesar“ schaffe ich es tatsächlich noch, in die überfüllte Pressekonferenz zu kommen. Es ist eine Lust, George Clooney, Tilda Swinton und das ganze aufgedrehte und fröhliche Team um die Coen Brothers zu erleben. Sie arbeiten oft zusammen und man glaubt ihnen, dass ihnen die gemeinsame Filmerei sehr viel Spaß macht!

Obwohl wie in alten 1968er-Zeiten ein paar Kollegen versuchen, die Pressekonferenz zum Flüchtlingsforum umzufunktionieren, bleibt das Filmteam gelassen. Clooney macht auf sein umfangreiches politisches Engagement aufmerksam und die Coen Brothers erklären, Filme könnten nicht auf Bestellung gemacht werden.

Was für ein erster Tag!

Fortsetzung folgt.

 

Foto: hwk