Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 10. März 2016, Teil 13

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Noch einmal nach SAULS SOHN schwere Kost, die wir deshalb die Woche über verteilen. Claudia Schmid zeigt ihren ersten Dokumentarfilm einer geplanten Trilogie über weltweite Gewalt gegen Frauen. Dieser handelt vom Kongo, der nächste spielt in Bangladesch und der dritte in Deutschland.

 

Es ist Unvorstellbares, womit wir über die Aussagen der Frauen konfrontiert werden. Aber die Angst in den Augen und die Verletzungen an den Körpern lassen uns keine einzige Sekunde zweifeln, daß es hier nicht um Wahrheiten ginge, bittere Wahrheiten, die nicht harmloser werden, weil doch der Kongo weit weg scheint. Wie nah er ist, das zeigen andererseits die Waffenlieferungen und anderes, was an Geldgeschäften auch aus der Bundesrepublik heraus dort abläuft, wobei Bubenspiele zu sagen, zu harmlos ist, denn es geht um menschenverachtende Männergewalt, die mit Krieg und Kriegsführen verbrämt wird.

 

Der Film vertraut völlig auf die Frauen und ihre Aussagen und tatsächlich ist – vom grausigen Inhalt abgesehen – Claudia Schmid ein bunter, lebhafter und authentischer Film gelungen, der uns westliche Zuschauer nur in einem im Stich läßt, noch dazu mit Absicht, nämlich den geschichtlich-politischen Hintergrund mitzutransportieren, auf dessen Bodensatz sich die Hutu – Sie erinnern sich an den Völkermord in Ruanda und den Konflilt Tutsi und Hutu - an den kongolesischen Frauen dieses Stammes rächten. Wir wollen hier nicht gegen die Regisseurin arbeiten und den uns notwendigen Hintergrund nachliefern. Aber wir haben uns nach dem Anschauen des Films schlau gemacht, in welcher historischen Situation dies geschah, von der aber die Frauen und die Regisseurinnen eben sagen, das ist Zufall, das hätte auch alles andere sein können, denn es ist das normale männliche Ritual afrikanischer Männer, Frauen in Kriegszeiten als Beute zu betrachten, sie zu vergewaltigen, zu verstümmeln, zu massakrieren und zu töten.

 

Auch wenn es schwer ist, sich ohne genauen Hintergrund darauf einzulassen, tun wir das jetzt und lauschen den Worten der Beredsten. Das ist Nakatya, die mit Händen und Füßen erzählt, wie es war, als des Nachts die Hutus kamen, sie und ihre Kinder aus der Hütte zerrten und sich an ihr vergingen. Wir sind in der Provinz Sud-Kivu, aber auch das ist egal, denn die Grausamkeiten der Krieger sind immer dieselben, allerdings gehen sie weit über das hinaus, was unser mitteleuropäisches Wissen um Kriegsleid von Frauen kennt. Wenn dann später, nachdem in immer neuen Varianten erst einmal von den Vergewaltigungen die Rede ist und man das Maß der Gewalt ausgelotet hat, die Schraube auch für den Zuschauer angezogen wird und die Frauen davon berichten, wie schwangeren Frauen das Kind aus dem Bauch geschnitten wurde und diese Frau gezwungen wurde, ihre eigene Leibesfrucht, ihr eigenen Kind aufzuessen, dann hält man es auf dem Kinosessel, auf dem man ja bequem des Sonntagmittags im Kino sitzt, kaum mehr aus. Noch nie hatte ich bei einem Film so tief den Wunsch nach Flucht, mich diesem Hörenmüssen entziehen zu wollen. Doch, wenn man berichten soll über diesen Film, erwächst sozusagen ein zweites Ich, das einen dazu verdonnert, sitzen zu bleiben, um Zeugnis abzugeben über diesen Film, dem sich ja eine Diskussion mit der Regisseurin anschließen soll.

 

Glauben Sie nicht, das sei alles gewesen. Einer der traurigen Höhepunkte der Berichte der wütend, traurig, verschämt und mutig auftretenden Frauen sind auch die Passagen, wo sie von Erlebnissen berichten, die nicht einmal, sondern systematisch erfolgten. Daß nämlich Frauen gezwungen wurden, mit ihren eigenen Söhnen zu schlafen, in den Augen der Feinde, die größte Erniedrigung für Kind und Mutter: der erzwungene Inzest. Wobei wir dann überlegten, ob das auf Befehl denn alles so gehen könnte. Aber auch darum geht es nicht. Und auch nicht darum, daß als weitere Tatsache dazukommt, daß Frauen und Kinder gezwungen wurde, andere zu töten, wollte man selber überleben.

 

Das einzige Ziel des Films und der Mitwirkung dieser Frauen, die offen, mit Gesicht und familiärem Hintergrund von den Schandtaten der anderen – nicht diskutierend, was die eigenen Männer mit den Frauen der anderen taten oder tun – berichteten, nur, damit die Welt Einhalt gebietet. Halt sagt zu Stammeskriegen in Afrika, wo dies stärker als in Asien beispielsweise in der Geschichte der Völker verankert ist. Es ist die unausgesprochene patriarchalische Struktur der afrikanischen Gesellschaften, die so etwas ohne Gegenwehr anderer möglich macht.

 

Es gibt einzelne Männer, die hier ebenfalls befragt werden, die nicht nur die Taten bestätigen, sondern auch Schuldige in der Kaste der Regierungssoldaten, sogar der Priester und Lehrer benennen. Und es gibt sogar Gesetze, die diese Frauen in Anspruch nehmen könnten. Nur ist niemand da, der ihnen beim Einklagen ihres Rechts hilft, denn Männer halten zusammen. Frauen sind nicht eigene Wesen, haben keine Autonomie, sondern gelten als Besitz des Mannes. Sie zu schlagen und sie zu mißbrauchen, ist also direkt gegen den Mann gerichtet, dessen Besitz sie sind. Fortsetzung folgt.

 

 

Info:

 

Am Sonntag, 6. März fand mittags im Frankfurter Kino Mal Seh'n die Frankfurter Premiere von VOICES OF VIOLENCE in Anwesenheit der Regisseurin und der Afrikanerin statt, deren Organisation diesen Frauen seelische Hilfe angesichts ihrer Traumata verspricht.