Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 24. März 2016, Teil5

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Sicher ein Film, den nur Eingeweihte sehen wollen, wenngleich er in poetischen Bildern und Gedanken das anspricht, was im Leben für alle besonders schwer zu bewältigen ist: der Verlust von geliebten Wesen, wobei es hier um den Tod des Hundes geht.

 

Anlaß war der Auftrag, den Arte an die amerikanische Künstlerin Laurie Anderson – seit den Achtzigern bekannt durch Performance, Film, Dichten und Singen - vergeben wollte, nämlich einen Film zu drehen über ihre eigene Lebensphilosophie. Nein, das wollte sie nicht. Aber dann kam die Idee, etwas über Hunde zu machen. Das erzählte Laurie Anderson bei einer Vorstellung ihres Films im vergangenen Herbst beim B 3 Festival in Frankfurt am Main.

 

Es ist ihr erster Film seit 30 Jahren und wurde deshalb zu einer Elegie über Trauer, Verlust und Unwiederbringliches im Leben, weil sie selbst in einer solchen Lebensphase ist, weil zusätzlich zum Tod der langjährigen Lebensgefährtin Hündin Lolabelle auch noch ihr Mann Lou Reed, ebenfalls Sänger und Liederschreiber und Mitbegründer von THE VELVET UNDERGROUND starb. Sie setzte für ein Jahr die Dreharbeiten aus. Der Film bringt eben auch liebevolle persönliche Aufnahmen aus dem gemeinsamen Leben beider mitsamt verschiedener Hunde, einen Bildteppich voller Erinnerungen.

 

Eigentlich aber handelt dieser Episodenfilm, der einzelne Themen abarbeitet, die aber ineinander übergehen, von Lolabelle, ein Rat Terrier, der kongenial in dieser musikalischen Familie selbst zum Klavierspielen gebracht wurde. So weit wie sein Frauchen hat er es aber musikalisch nicht gebracht. Denn die hat es – die Aufnahmen zeigen es – sogar zu einer Aufführung für Hunde geschafft, die bei ihrer Obertonmusik eben mehr und anderes hörten als Menschen.

 

Aber auch wenn Lolabelle im Mittelpunkt der Erinnerung steht, geht es doch gleichermaßen um die Reflexionen über das Leben, die der Tod eines geliebten Wesens immer verstärkt. Denn am lebendigsten ist man seltsamerweise gerade dann, wenn der Tod des anderen einen alleine zurückläßt. Und wie einen ein Toter begleitet, das kann man dem Film anmerken, den sie erst nach dem Tod von Lou Reed fertigstellte. Sein Tod wird nicht erwähnt, ist aber das Begleitthema, wenn sie davon spricht, was Lolabelle in ihrem und auch ihrem gemeinsamen Leben bedeutet hat, was im übrigen die Bilder aus dem Privatleben zeigen, die - noch lebendig - eine Liebeserklärung an ihre beiden Verluste sind. Wie sehr erst, wenn sie von uns Zuschauern aus dem Bewußtsein ihrer Tode gesehen werden.

 

Nie ist der Film pathetisch oder sentimental. Er ist traurig, weil es um etwas Trauriges geht. Er ist auch lustig, da wo die Szenen aus dem Leben,dies uns vor Augen bringen. Auf jeden Fall zeigt der gesamte Film, wie verwurzelt wir Menschen in anderen Lebewesen sind, die uns alleine lassen, wenn sie gehen. Denn zum Schluß ist dieser Film auch einer über Laurie Anderson selbst: unaufdringlich, leise, melancholisch. Aber auch mit interessanten Stücken ihres Lebens, was hier nachgespielt wird. Denn als Kind hatte sie beim ins Schwimmbad Springen einen Unfall, kam als potentiell Querschnittsgelähmte ins Krankenhaus, was ihr seitdem ein Horror ist, insbesondere, was amerikanische Krankenhäuser angeht, wie überhaupt der Film stark auf das Leben in den USA rekurriert.

 

Und uns auch Einblicke in ein anderes Amerika gönnt, das vom Noblen West Village, das es immer noch gibt und wo ihr Hund sehr interessiert den Nachbarn beschnuppert: den Maler und Filmemacher Julian Schnabel.

 

Insgesamt eine unaufdringliche Collage, eine Meditation in melodiösem Ton über Tod und Leben, über Erinnern und Vergessen, über Bewahren und Verlieren und damit auch über die Unzulänglichkeiten der Sprache bei diesen seelischen Vorgängen, weshalb Bilder und Musik die begleitenden Ergänzungen sind, wenn dieser Film wie ein Gedicht von Laurie Anderson uns ins Ohr träufelt.