Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 29. Dezember 2016, Teil 4

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Vor dem Irresein hilft einem eigentlich nur, den eigenen Wahnsinn auszuleben. So könnte man die Quintessenz dieser italienischen bittersüßen Filmkomödie zusammenfassen, die von Paolo Virzì so inszeniert wurde, daß dieser Film nahtlos an die früheren großen Erfolge italienischer Filme anknüpft.



Denn das muß man sich bei dem fast völligen Ausbleiben italienischer Filme auf bundesdeutschen Leinwänden schon fragen, weshalb die Verleihpolitik eine solche ist, wie sie ist. Französische Filmkomödien haben Konjunktur und selbst nordeuropäische Filme kommen eher durch das Nadelöhr deutscher Verleiher als die aus Italien. Mal abgesehen davon, daß wir schon dadurch alle Amerikaner sind, daß deren Filme das Filmgeschäft und die Köpfer und Gemüter der Zuschauer überwuchern. Womit natürlich die US-Filme gemeint sind.

Auf diesen Film lassen sich deutsche Zuschauer hoffentlich ein. Er ist einerseits ein großer Spaß und bringt so viele schräge Szenen, bei denen das Lachen einfach hervorbricht, und immer wieder mal – stimmt! - dann doch im Halse stecken bleibt. Wie das halt so ist, wenn man über den Wahn, den Wahnsinn und das leichte oder schwerere Verrücktsein eben sehr direkt das angeblich Normale im Blick hat, das sich vor einem als das eigentlich Verrückte entlarvt. Aber nicht lange Vorreden, sondern her mit den beiden italienischen Damen, an denen man sich nicht sattsehen und satthören kann und die eine ganze Galaxie von unterschiedlichen Frauen verkörpern, denn zwei Frauen, das heißt, daß mindestens zehn mögliche Frauen vor unseren Augen stehen.

Die eine ist Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi)  und Gräfin sowie Quasselstrippe, also eine, der angesichts ihrer Abstammung erlaubt ist, sich in der Welt der Schönen und Reichen, die ja meist die Welt der Reichen und Häßlichen ist, herumzutreiben. Das ist schon komisch, wenn die Dame hochfahrend daran erinnert, wie das Abendessen mit den Clintons war, oder sie eigentlich die gespeicherte Telefonnummer endlich wieder anrufen will, wo dann George Clooney antwortet, ach ja, und Berlusconi ist auch dabei. Nein, nein, nur im Telefonverzeichnis. Zwar hat sie ihren Mann, einen veritablen Rechtsanwalt noch immer, denkt sie, aber der hat längst eine neue Familie, als ihr zum Verhängnis wurde, daß sie sich in einen Strizz verliebte, ach was, mehr als das, einen veritablen Berufsverbrecher namens Renato Corsi (Bobo Rondelli). Alles verloren, Herzschmerz und enterbt auch noch.

Die andere ist die noch sehr junge Donatella Morelli (Micaela Ramazzotti), eine Pflanze aus einer anderen Welt, die in den einen das Bedürfnis erweckt, sie zu zertreten, in anderen, sie zu beschützen. Beide leben derzeit etwas unangepaßt, denn die Überglücklichen heißt dieser Film eben auch, weil er in einer besonderen Anstalt spielt, die Villa Biondi heißt, was aber der nette Name für eine Psychiatrie ist, die aber hier  genauso nett nur als psychologische Behandlung bezeichnet wird.

Wir sind nun dabei, wenn sich die Gräfin ihrer annimmt, ob Donatella will oder nicht. Zwangsbeglückt sind sie infolge der Tabletten sowieso beide. Und bipolare Schübe von Glück kennen sie auch. Warum das Zuschauen aber richtig Spaß machen kann, hat mit der Art zu tun, wie die beiden – beim gesundmachenden Arbeitseinsatz in der nahen Gärtnerei – ausbüchsen und das Klinikpersonal ihnen hinterhermacht kreuz und quer durch die Toskana, was die beiden Frauen dann wirklich vertraut mit gegenseitiger Sympathie werden läßt. Und sie wollen beide dasselbe: das Glück im Leben finden, Leben?, ja Leben!, was ja nur die Umschreibung für das Freiluftirrenhaus ist. Und es bewahrheitet sich, was wir schon vorher wußten, wenn man so aristokratisch daherkommt, wie es Maria Beatrice einfach im Blut liegt, dann kommt man überall durch, selbst als Zechpreller. Daß sich die Kellner bedanken, daß man die Damen bedienen durfte, wäre
eine Konsequenz.

Die Komik ist oft eine Situationskomik, weshalb gar nicht gut darstellbar und die vielen Stationen der Flucht wollen wir sowieso nicht verfolgen, das schau man besser im Kino. Stattdessen noch ein Blick auf das filmische Personal. Da ist einmal Donatellas Mutter(Anna Galiena), die ganz schön gerissen, ihre Tochter sowohl verkuppeln will, wie auch dafür gesorgt hatte, daß diese ohne ihren kleinen Sohn leben muß, den sie nun sucht. Da ist vor allem auch der Ex-Ehemann Pierluigi (Bob Messini), ein geduldiges Schaf, der die verrückte Ex liebt – ehrlich gesagt habe ich nicht so richtig mitbekommen, ob da eine Scheidung vorlag und eine neue Ehe oder ob sich Pierluigi einfach eine kleine Familie zusätzlich erlaubte. Auf jeden Fall wird er von Maria Beatrice gehörig ausgenommen – und wir fiebern sogar mit, daß ihr der Diebstahl richtig gut gelinge!

Und dann zur Mutter, Signora Morandini Valdirana (Marisa Borini). Spätestens jetzt wissen wir, woher die Tochter ihre seelischen Schäden hat. Aber auch der wird heimgezahlt und ab jetzt erzählen wir gar nichts mehr, weil auf der Leinwand noch so viel passiert, was man sehen und erleben muß, daß Worte nur schnöde Buchstaben bleiben.

P.S.
Ach so, ja diese Welt hat viel mit dem richtigen Italien zu tun. Sittenbild nennt man so was. Und toll, wenn man am Anfang diese Dame für die Hausherrin der Villa Biondi hält, weil sie so gekonnt alles am Laufen hält und die Anweisungen gibt, selbst die für die richtigen Blumenvasen. Da hat sie uns getäuscht. Als nächstes täuscht sie Donatella, die sie für die Ärztin halten muß...ach, es steckt wirklich so viel von Italien in diesem Film.  Und Italien ist überall.