Fotoausstellung Helmut Newton im Museum für Fotografie Berlin

Hanswerner Kruse

Berlin (Weltexpresso) - Das von Helmut Newton gestiftete Museum für Fotografie zeigt 10 Jahre nach der Gründung und dem Tod des Fotografen eine Doppelschau, die er einst zur Eröffnung des Hauses arrangierte. Die Ausstellungen „Us And Them“ und „Sex And Landscape“ ermöglichen einen guten Einblick in das künstlerische Werk Newtons und seiner Frau June alias Alice Springs.

 

 

Der Kopf des toten Newton, das Beatmungsgerät ist noch nicht abgebaut. Ganz nah das Gesicht der Witwe June, die 50 Jahre lang mit ihm zusammenlebte. Diese eindringliche grobkörnige S/W-Aufnahme ist das letzte gemeinsame Portrait der beiden. „Us“ („Wir“) wurde aufgenommen mit dem Selbstauslöser von Springs, unter diesem Namen arbeitete seine Frau selbständig oder zusammen mit Newton. „Us and them“, („Wir und sie“) ist - außer diesem Bild - eine gemeinsame Ausstellung beider Künstler von 2004, die viele persönliche Blicke auf das Zusammenleben des Paares erlaubt: Newton als Transvestit. June rauchend mit nackten Brüsten am Esstisch oder, schon etwas älter, unbekleidet beim Bügeln.

 

Diese Arbeiten der beiden Künstler wirken intim wie ein fotografisches Tagebuch ihres Zusammenlebens und zugleich theatralisch inszeniert. Genauso erscheinen auch die Ablichtungen ihrer prominenten Freunde: Charlotte Rampling, Hanna Schygulla, Jane Birkin - immer privat und doch etwas künstlich. Deren, jeweils von Newton und Springs aufgenommenen, Portraits werden nebeneinander präsentiert als Bildpaare, die jedoch in der Gestaltung nur selten Unterschiede aufweisen. Der „männliche Blick“ Newtons bleibt mal an Schygullas Po oder Ramplings bloßen Schenkeln hängen. Im Übrigen sind die Ablichtungen der Reichen und Schönen keine verklärenden Ikonen.

 

Viele der großen, grobkörnigen S/W-Arbeiten sind selbstreflexiv, hinterfragen die Rolle der Fotografierenden: Vielfach gespiegelt der Künstler und seine nackten Models, daneben die Ehefrau. Newton macht ein Selfie: Mit seinen bebrillten Augen vor den gespreizten Frauenschenkeln des Gemäldes „Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet.

 

In der Museumshalle hängen fünf lebensgroße „typische“ Newton-Frauen – stolze, unbekleidete Weiber, die dem Betrachter das Gefühl geben, selbst splitternackt zu sein und von ihnen mit voyeuristischen Blicken seziert zu werden. Sie sind gerade nicht „faschistisch“, wie einst von Alice Schwarzer geschmäht. Doch suggerieren Plakat und Titel „Sex and Landscapes“ der zweiten Schau solch kühle Erotik, wie manche sie geradezu erwarten.

 

Doch viele der ebenfalls grobkörnigen S/W-Großbilder zerstören schnell diese Vermutungen: Newtons nackte Füße vor einer verschwommenen entblößten Frau. Ein Flugzeug von oben. Eine unscharfe, nur vom TV beleuchtete Blondine. Der Blick aus einem Hochhaus auf die dunkle Straße. Dazwischen angedeuteter femininer oder Sadomaso-Sex. Das ganze fügt sich zu einem Pandämonium undeutlicher, aus dem alltäglichen Zusammenhang gerissener Erinnerungen. Diese seltsame Traumlandschaft ist umstellt von einigen hyperrealistischen, farbkräftigen, wenn man denn so will: Sexbildern. Die unbekleidete Kellnerin oder eine üppige, entblößte Mexikanerin im Liegestuhl wirken wie Kinowerbung: Selbst das Äußere, die vorgebliche Realität, scheint letztlich unecht und inszeniert!

 

Die streiflichtartigen Arbeiten in beiden Ausstellungen lassen viel Raum für eigene Assoziationen und Fantasien, wenn man sich denn auf die Newtons einlassen will.



INFO:

Helmut Newton: Monica Bellucci. Monte Carlo, 2001. © Helmut Newton Estate

Us And Them“ / „Sex And Landscape“ Museum für Fotografie Berlin, noch bis zum 16. 11. 2014

Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa, So 11 – 18 Uhr