Serie: ÄGYPTENS SCHÄTZE ENTDECKEN. Meisterwerke aus dem ägyptischen Museum Turin im Historischen Museum der Pfalz Speyer, Teil 2/4

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Wie immer finden die Ausstellungsmacher in Speyer einfach einen attraktiven Beginn. Nach der Ägyptomania und der Geschichte des Nils, mit 6 500 km Schlagader des Alten Ägypten und durch das Wasser Ernährungsgrundlage der Bevölkerung, treffen wir regelrecht dramatisch auf die raumfüllende Statue des Pharao Thutmosis I.

 

 

 

Es ist eine Sitzstatue aus Karnak, aus dem grauen Stein Diorit, die 'nur' 170 Zentimeter in der Höhe, 54 in der Breite und 108 in der Tiefe besitzt. Aber ihre sinnliche Wahrnehmung ist viel gewaltiger und auch in der Erinnerung bleibt sie so. Das liegt sicher an der Frontalität der Figur, die in dem eher kleinen Raum eben viel Platz einnimmt, aber in vorderster Linie doch an der geballten Autorität, die einem entgegenschlägt. Mit tiefer Empfindung fühlt man dabei auch, was Originale eben doch in einem auslösen, seien Kopien noch so gut. Dieser Stein hier, dieser Pharao, dieser Thutmosis ist 3000 Jahre alt!

 

Das war die Zeit des Neuen Reiches (1550-1292 v. Chr.) und tatsächlich ist diese Statue Sinnbild des königlichen Verständnisses der Zeit. Thutmosis I. (1504-1492 v. Chr.) trägt jugendliche Züge, ein Schönheitsideal – und sicher nicht dem wirklichen Mann ähnlich - mit großen Augen, einer symmetrischen Nase und fleischlichen Lippen, wobei die großen Ohren auffällig sind. Die schauen aus dem Nemes-Kopftuch hervor, das über der Stirn von einer Uräusschlange bekränzt ist. Die oft darüber getragene Doppelkrone – die rote für Unterägypten, die weiße für Oberägypten fehlt.

 

Das Nemes-Kopftuch ist eine Königsinsignie, so wie bei uns Reichsapfel etc., und seine Form äußerst eigenwillig. Das Tuch ist eckig und gestreift, wird von der Stirn her hinter die Ohren gelegt, wobei die zwei Zipfel das Gesicht umrahmen und auf die Brust fallen. Diese Teil e sind gefältelt, Der hintere Zipfel wird meist gedreht. Thutmosis blickt uns nicht nur an, er hält seine Arme beidseitig des Körpers und hat die Hände auf die Oberschenkel gelegt. In der rechten Hand faßt er ein Tüchelchen, ebenfalls Ausdruck seiner Herrschaft. Außer dem dreiteiligen Lendenschurz ist er nackt und obwohl auch die Beine parallel massiv auf dem Boden stehen, wirkt die Figur, als ob sie sofort aufspringen wolle und Taten tun.

 

Er muß nicht nur sitzen bleiben, sondern sein Sitz hat auch eine besondere Aussagekraft. Seine nackten Füße stehen auf neun, in den Stein eingeritzten Bögen, entsprechend den neun ausgewiesenen Gegnern des Landes, auf denen er nun 'herumtrampelt' und sie symbolisch auslöscht. Denn Ägypten war im eigenen Verständnis Sitz der Welt, außerhalb herrschte Chaos. Thutmosis' Lendenschurz trägt einen Gürtel, der aussagt, daß er ein Sohn des Re (Sonnengott) sei und von Amun-Re (König aller Götter) geliebt werde. Der Bezug auf die Götter ist zur Herrschaft unabdingbar, aber Pharaonen bleiben Menschen, wenngleich die ranghöchsten, den Göttern nahe.

 

Seine Kraft, Ägyptens Grenzen zu sichern und die Einheit des vereinten Landes zu gewährleisten, zeigen auch die an beiden Seiten des Sitzblockes angebrachten Hieroglyphen: die Lunge mit Luftröhre für „vereinigen“, als Symbol Oberägyptens, dann die Lotus- und die Papyruspflanze für Unterägypten. Wenn uns noch nach 3000 Jahren dieser Thutmosis als tatkräftig und energievoll und damit nicht ganz tot, sondern immer noch lebendig erscheint, ist dies genau Die Funktion, die diese Sitzstatue haben sollte. Der Mensch ist tot, aber der Pharao wird sein Reich und seine Bewohner ewig schützen.

 

Kurator Wolfgang Leitmeyer begeistert sich: „Diese wundervolle Statue zählt zu den kostbarsten Objekten der Ausstellung. Die Leistung der unbekannten Bildhauer, die mit einfachen Bronze- und Steinwerkzeugen den harten Diorit bearbeitet haben, ist beeindruckend. Sie haben das ideale Bildnis eine Menschen geschaffen, dessen Wesen zugleich der Sphäre des Göttlichen angehört.“. Die Aussage kann man auf viele der ausgestellten 300 Originale anwenden und träfe doch den Kern der Ausstellung nicht vollständig.

 

Denn über die vielen wunderbaren Exponate, über die wir jetzt nicht schreiben können, liegt als Grundverständnis auch der Versuch, in der kulturhistorischen Ausstellung immer wieder auch die Lebensbedingungen in Alt-Ägypten aufzuscheinen zu lassen. So wird durch die Gruppierung der Stücke immer wieder versucht, sie in den Lebens-, auch in den Todeszusammenhang ägyptischen Lebens zu integrieren. Daß Leben und Tod kein Dualismus sind, nicht aufeinanderfolgen, sondern das Jenseits auch im Diesseits gegenwärtig ist und man buchstäblich zum Tode geboren wird, ist ein Grundverständnis, das die Ausstellung an vielen Beispielen lebendig macht. Was auf jeden Fall durch die Exponate und ihren Funktionszusammenhang geschieht, ist ein Verständnis für die Hierarchie des Riesenreiches, in dem jeder seinen spezifischen Platz hatte, hier werden Schreiber, Hofbeamte und Priesterinnen ausführlich gewürdigt, aber auch die Arbeitswelt von Bauern, Bäckern und Brauern.

 

Eine weitere Besonderheit kommt zum Schluß zum Gräberberg von Assiut in Mittelägypten. Dort werden Funde aus den früheren Grabungen, die aus Turin nach Speyer kamen, den aktuellen Grabungsergebnissen aus der gleichen Felsnekropole. Das Historische Museum der Pfalz darf stolz darauf sein, daß sie den neuesten Stand der Forschung präsentieren kann, die – wie heute üblich – durch internationale Zusammenarbeit erzielt wurde, hier durch die Universität Sohag in Ägypten sowie der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und der Freien Universität Berlin.

 

 

 Bis 2. September 2012

 

Katalog: Ägyptens Schätze entdecken. Meisterwerke aus dem Ägyptischen Museum Turin, hrsg. von Stiftung Historisches Museum der Pfalz Speyer, Prestel Verlag 2012. Der Katalog folgt der Ausstellung in den fünf übergreifenden Kapiteln und bringt auf vielen Seiten ganzseitige Fotos, die so schön sind, daß einem der Atem stockt. Hier meinen wir vor allem „Mächtige, Könige und Königinnen“ mit herrlichen Abbildungen. Das ist oft so, daß auf einem Foto die Inschriften und die Gravuren, die Zeichnungen und Ritzungen besser zu sehen sind als im Original, zumal dann, wenn viele Besucher drumherumstehen, was einen andererseits ja freut.

Die Katalognummern, also die Gegenstände, der in den Abteilungen ausgestellten Stücke und ihre Abbildungen sind mit informativen Texten versehen, die wieder einmal deutlich machen, man sollte einen Katalog vorher studieren und dann die Objekte mit Wissen betrachten, allein der Mensch funktioniert andersherum und interessiert sich so richtig für ein Thema dann, wenn sein Interesse durch das Schauen geweckt ist.

Grundsätzlich gilt, die Gestaltung und Erklärungen im Band lassen sich auch ohne die Ausstellung hervorragend lesen. Man hat auch dann viel davon. Was nicht nur bedeutet, daß dieser Katalog ein sinnvoller Kauf für jeden Interessierten an Alt Ägypten ist,sondern auch, daß man ihn jederzeit für sich als eigenständiges Werk nutzen kann.

Info:

Besuchen Sie auch die Ausstellung: Ägyptens Schätze entdecken. Eine Familiena-Ausstellung des Jungen Museums, die im Kindermuseum im Untergeschoß gezeigt wird. Offiziell heißt es, daß sich die Ausstellung an Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren richtet. Aber Sie können auch mit kleineren Kindern und auch mit Jugendlichen die Ausstellung besuchen. Und Erwachsene haben auch sehr viel davon!

 

Das reichhaltige Begleitprogramm mit Ferienwerkstatt, Workshops und Lesenacht entnehmen Sie bitte der Webseite.

 

Lern-, Spiel- und Bastelmappe: Die Ägypten-Box: In leuchtendem Türkis begrüßt auf dem Umschlag ein junger Ägypter, das Ankzeichen in der Hand, den, der die Mappe aufschlägt.

Ramose heißt er, entdeckt man auf der Innenseite, und liest seine Aufforderung, auf die spannende Zeitreise ins Reich der Pharaonen mitzugehen. In 25 Themen und einem ägyptischen Kalender wird vom Leben im Alten Ägypten über die Bastelbögen zum Ausschneiden der Tempelanlagen und die Schrift dann noch eine Spielanleitung für das Schlangenspiel geboten. Eine wunderbare Zusammenstellung von Wissens-, Handeln- und Spielteilen, die perfekt als Nachbereitung der Ausstellung für die nächsten Wochen dient. Wir haben sie aber zusätzlich auch als Vorbereitung für den Besuch benutzt. 

Dabei haben wir dazugelernt: Kinder stürzen sich auf die Bastelbögen. Vorsicht. Wenn einer daneben schneidet oder gar den Bogen nicht völlig auffaltet, schneidet er die Rückseite falsch aus. Was tun? Mit Tesafilm kleben oder im Shop des Museums die Ausschneidebögen umtauschen können. Das ist bisher nicht vorgesehen, aber unser Tip, diese Bastelbögen in größerer Auflage zu drucken und gegen versehrte umtauschen zu können. Dann kommen die Kinder auch noch häufiger in die Ausstellung!

www.art-of-kara.de

www.aegypten.speyer.de