Serie 1. Weltkrieg, Teil 9: neue Dauerausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien

 

Claudia Schulmerich

 

Wien (Weltexpresso) – Karl Kraus  hätte sich etwas lustig gemacht, über die Kultur- und Geschichtstouristen, die nun in Worten und Ausstellungen  den ersten Weltkrieg abgrasen, wie weiland die Kriegstouristen direkt nach dem Ersten Weltkrieg, wo Reiseunternehmen den Schlachtfeldtourismus anpriesen, wie er es in DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT mit Originalzitaten dokumentiert und als „Reklamefahrten zur Hölle“ angeprangert hat.

 

 

Sarkastisch wäre er aber erst geworden, wenn wir heute am 100. Jahrestag der Erschießung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie in Sarajewo gewesen wären. Damit ist nicht die offizielle Gedenkfeier gemeint, auf der die Wiener Philharmoniker im Beisein des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer und der anderen Staatsoberhäupter aus Kroatien, Mazedonien und Montenegro des Kriegsereignisses musikalisch gedachten und mit der bosnischen Nationalhymne begannen. Diese Gedenkfeier hat durch das demonstrative Wegbleiben der Serben eine unangenehme politische Konsequenz erfahren, weil die Serben im Gegenzug zu Hause eine „Siegesfeier“ für das Attentat durchführten, wobei der früher so wunderbare Regisseur Emir Kusturica den Attentäter als „Herold der Freiheit“ würdigte.

 

Wir sind aber nur in Wien, wo man auch hingehört, wenn man sich über die wichtigste der Vorgeschichten zum Ersten Weltkrieg persönlich informieren will, wo derzeit in der Österreichischen Nationalbibliothek des Kaiser Franz Josephs Aufruf an seine Völker original zu lesen ist und wo das HGM genannte Heeresgeschichtliche Museum im ersten Stock des Objektes 18 des Arsenals für 3,9 Millionen Euro eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg heute Abend unter großer politischer Prominenz eröffnet. Sie stellt allerdings als neue Dauerausstellung eine Überarbeitung der bisherigen Schau dar und soll nun für mindestens 15 Jahre bestehen bleiben, denn – so hofft man – neue Erkenntnisse seien wohl doch nicht zu erwarten.

 

Wenn sich da die Wiener nicht mal geschnitten haben, denn kaum einer hätte in den letzten Jahren für möglich gehalten, was derzeit in Europa passiert, daß geradezu leidenschaftlich die als geklärt gegoltenen politisch-historischen Thesen zu dem Krieg, den die englische Welt THE GRAT WAR, die französische  LA GRANDE  GUERRE nennt, durch Historiker hinterfragt werden und zu neuen Theorien und auch veränderten „Schuld“zuweisungen führen.

 

Deshalb hätte sich Karl Kraus auch nur etwas lustig gemacht über das allgemeine Ursachensuchen und komplexe Zusammenhänge Auflösenwollen, denn er hätte das Bemühen verstanden, das die meisten antreibt, den als große Katastrophe des 20. Jahrhunderts auftretenden Ersten Weltkrieg verstehen zu lernen. Für viele nämlich – und das gilt insbesondere für die, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchsen – war die Wucht, das deutsche Verbrechen des Zweiten Weltkriegs so dominierend, daß der Erste in dessen Schatten zwar mitdiskutiert wurde, aber eben gut paßte in das Schuldbewußtsein einer jungen Generation, die sich ein Leben lang zu erklären versuchten, wie es in Deutschland zu den Verhältnissen im Dritten Reich, insbesondere zur Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden hat kommen können.

 

Es auf den deutschen Zwangscharakter, den preußisch-deutschen Wilhemismus, den militärischen Untergefreiten/Spieß zurückzuführen, führte dann auch geradewegs zur Schuldzuweisung der Deutschen für den Ersten Weltkrieg. Das muß deshalb so deutlich gesagt werden, weil es mit Fritz Fischer aus Hamburg ein deutscher Historiker war, der vor 48 Jahren von der Alleinschuld der Deutschen sprach und dies als historischen Pflock in die Geschichtswissenschaften eingehämmert hatte.

 

Die Geschichte hat den ermordeten Thronfolger unterschiedlich eingeschätzt. Den eisernen Monarchisten war er ein demokratischer Aufweichler, weil er sich vehement für stärkere Selbstbestimmungsrechte der slawischen Völker einsetzte; diese sahen in ihm einen Gegenpart zum regierenden Kaiser Franz Joseph. Dies wird heute bestritten und sein Tod erhält eine tragische Note dadurch, daß ausgerechnet die serbischen Nationalisten, die stellvertretend für das seit 1878 von Österreich-Ungarn annektierte Bosnien-.Herzegowina, den Thronfolger durch Jugendliche der Geheimorganisation „Schwarze Hand“ erschießen ließen, wo dieser für diese eine liberalere Politik erreichen wollte.

 

Thronfolger wurde der 1863 geborene Franz Ferdinand, Sohn des Karl Ludwig, der wiederum der älteste der Brüder des Kaisers Franz Joseph I. war durch den Selbstmord seines Cousins und Kronprinzen Rudolf. Der einzige Sohn des Kaiserpaares hatte sich am 30. Januar 1889 auf Schloß Mayerling erschossen; die Töchter der Kaiserin Sisi waren nicht erbberechtigt. Fortsetzung folgt.