p judenverfÜber den Umgang mit dem Antisemitismus, Teil 2

Conrad Taler

Bremen (Weltexpresso) - Redaktionelle Vorbemerkung: Als Folge der jüngsten antijüdischen Pöbeleien an einer Berliner Schule hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, eine zentrale Meldestelle vorgeschlagen, die antisemitische Vorfälle „rasch und ohne viel Hürden“ erfasst. Ob das was hilft?

Seit 1962 veröffentlicht das Bundesinnenministerium alljährlich Berichte des Verfassungsschutzes über extremistische Bestrebungen in Deutschland. Dort werden auch antisemitische Vorfälle erfasst. Leider haben alle Bundesregierungen ihr Augenmerk in erster Linie auf die linken Kritiker der jeweiligen Regierungspolitik gerichtet. Das verschaffte den Antisemiten entsprechenden Freiraum, wie Conrad Taler in seinem Buch „Die Verharmloser“ dokumentiert. Hier ein weiterer Auszug:

Im April 1989 machten Berliner Schulen abermals von sich reden. Wieder provozierten dort Rechtsradikale alarmierende Zwischenfälle. Nazilieder wurden gegrölt, junge Türken krankenhausreif geschlagen und Computerspiele mit einem „Anti-Türken-Test, made in Buchenwald, Copyright by Hitler und Hess“ verbreitet. Die Schulsenatorin appellierte an die Lehrer, nicht wegzugucken, wenn sie solche Vorfälle beobachteten.

Sechs Jahre später erreichte der dumpfe Schul-Antisemitismus eine neue Qualität. Mit einer „Kaltschnäuzigkeit, die einem die Sprache verschlägt“, so der Kommentar einer angesehenen Berlin Zeitung, wandte sich der Landsverband der Jungen Union gegen die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an die von den Nazi ermordeten Juden. Unter der Überschrift „Kein Judendenkmal am Potsdamer Platz“ erläuterte der Landesgeschäftsführer der CDU-Nachwuchsorganisation, Thorsten Dorn, die Position des Landesausschusses der Jungen Union mit den Worten: „An so exponierter Stelle in der alten und neuen Mitte Berlins muss eine sinnvollere Nutzung gefunden werden, die den Bedürfnissen und Perspektiven des Herzens der Hauptstadt Rechnung trägt.“

(Einschub: Das war 22 Jahre bevor Björn Höcke von der AfD am 18. Januar 2017 sagte: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, und drei Jahre bevor der Schriftsteller Martin Walser in seiner Paulskirchenrede am 12. 10. 1998 davon sprach, dass sich in ihm „etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.“

Ein Abwiegler war gleich zur Stelle. Das Votum gegen das Mahnmal habe nichts mit Antisemitismus zu tun, meinte der CDU-Sprecher Marco Hardt, und im Übrigen „wollen wir einen jungen Mann nicht für den Rest seines Lebens stigmatisieren. Andere – wie der Charlottenburger CDU-Jugendstadtrat Axel Rabbach – nannten den Beschluss der Jungen Union „rassistisch und rechtsradikal“.

Mit seinen nationalistischen und antijüdischen Vorkommnissen an den Schulen war Berlin kein Einzelfall. 1989 schlug die Landesschülervertretung von Nordrhein-Westfalen wegen zunehmender neonazistischer Vorfälle an den Schulen des Landes Alarm. An rund 60 Prozent der Schulen werde rechtsradikales Informationsmaterial verteilt, gebe es ausländerfeindliche Schmierereien und tätliche Angriffe auf ausländische Schüler. Zum wiederholten Male warnte Heinz Galinski vor Gleichgültigkeit gegenüber dem Treiben der Rechtsextremisten. Fast täglich würden rechtsradikale Übergriffe bekannt, ohne dass „entsprechende Maßnahmen“ eingeleitet würden. Rechtsextremistische Jungwähler, so gab er zu bedenken, kämen mittlerweile auch aus „gut situierten Familien“. Verzweifelt fügte er hinzu: Warum müssen immer wieder die Juden bei jeder alarmierenden Gelegenheit die Stimme erheben? Drei Jahre später starb Heinz Galinski. In einem Nachruf würdigte ihn Bundespräsident Richard von Weizsäcker als „Vorbild für Bürgersinn, ohne den jede politische Verantwortung zum Scheitern verurteilt“ sei.

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