Bildschirmfoto 2020 10 01 um 01.32.42Nach der ersten Fernsehdebatte zur US-Präsidentenwahl 

Andreas Mink

New York (Weltexpresso) - Halbwegs unabhängige Kommentatoren stuften die erste Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden umgehend als schlechteste Veranstaltung dieser Art aller Zeiten ein. Als Punktsieger erscheint eindeutig Joe Biden.


«Der Präsident der Vereinigen Staaten ist ein A******ch von Weltklasse». Mit dieser Einschätzung der Performance von Donald Trump bei seiner ersten Debatte am Dienstagabend dürfte Pat Garofalo den meisten Zuschauern aus dem Herzen sprechen. Endlose Retweets gewann der Post, weil Garofalo Republikaner ist und für die Partei im Staatsparlament von Minnesota sitzt (Link). Tatsächlich bot Trump einen selbst für ihn schockierend volatilen, aggressiven und lauten Auftritt. Mit erhobener Stimme und endlosen Unterbrechungen goss er eine Flut von Lügen, persönlichen Attacken und Beleidigungen über Biden aus. Nach vier Jahren im Weissen Haus, bei 205'000 Todesopfern von Covid-19 und schwachen Umfragezahlen, obendrein auch unter dem Druck nicht mehr überschaubarer Skandale, hat Trump offenkundig jede Hemmung und den Respekt vor der amerikanischen Demokratie verloren.


Von eigenen Leuten demontiert

Seine Lügen provozierten auf Twitter zahlreiche Proteste und Widerreden. So erklärte der Sheriff des Landkreises von Portland, Oregon, er habe Trump keineswegs unterstützt und habe dies auch nicht vor (Link). An einem Wähler-Panel des konservativen Demoskopen Frank Luntz gaben sämtliche Teilnehmer Trump schlechte Noten. Eine Frau sagte, der Präsident habe sich wie ein «Crackhead» benommen, also ein Crack-Süchtiger oder -User (Link).

Daher ereiferten sich Social Media und Kommentatoren schon während der 90-minütigen Debatte primär über Trump und die Unfähigkeit des Moderators Chris Wallace, ihn zu zügeln. Aber Wallace korrigierte immer wieder grobe Lügen Trumps und stellte ihn mit pointierten Fragen etwa zum Klimawandel bloss, den der Präsident weiterhin nicht ernsthaft diskutieren mag.

Etwas unter geht in der aufgeregten Aufarbeitung, wie geschickt und erfolgreich Biden bei dem Treffen war. Mitunter holte sein Stottern den 77-Jährigen etwas ein. Aber Biden erschien durchweg souverän und konnte immer wieder offenkundig einstudierte Argumente und Pointen einbringen: Er nannte Trump wiederholt einen Lügner, einmal einen «Clown», einen Spalter und Schürer von Hass und Zwietracht. Dazu kam ein «Halt doch mal die Klappe, Mann» («will you shut up, man»). Und er nannte ihn «den schlechtesten Präsident, den wir je hatten». Trump geiferte derweil so wild durcheinander, dass er nie derart gezielte Treffer landen oder Biden mit Sachargumenten in die Enge treiben konnte.


Hoffen auf Neofaschisten

Der zeigte sich immer wieder als politischer Routinier und brachte wirksam das vermutlich älteste Mittel der Debatten-Rhetorik ein: Biden wandte sich mehrfach an Wähler und sprach Bürger direkt und eindringlich zu ihren Sorgen über Covid-19, den dadurch ausgelösten, enormen Verwerfungen in der Wirtschaft oder die Attacken Trumps auf die von Barack Obama eingeführte Gesundheitsreform an. Und immer wieder versprach Biden die Lösung von Problemen durch die Einbeziehung aller Beteiligten – etwa beim brennenden Problem der Polizeigewalt gegen Schwarze.

Trump konnte sich nicht einmal dazu durchringen, weisse Rassisten-Gruppen zu verurteilen. Er sagte, die «Proud Boys» sollten «sich zurückhalten und bereit stehen» (stand back and stand by). Die «Proud Boys»-Neofaschisten haben dies auf Social Media (Link) umgehend als Unterstützung ihrer Gruppe und Ziele dargestellt (Link). Stattdessen brachte Trump einmal mehr sein Lügenmärchen von «Antifa» vor, radikalen Anarchisten also, die angeblich hinter den Unruhen am Rand von «Black Lives Matter»-Protesten stecken. Biden konnte hier erneut feststellen, dass der FBI-Direktor und das Heimatschutz-Ministerium «Antifa» nicht als wesentliche Bedrohung von Sicherheit und Ordnung in den USA betrachten.

Vielsagend auch, dass Trump bei der Frage nach Rassismus und der systematischen Benachteiligung von Schwarzen reflexartig auf «Law and Order» und die angebliche Bedrohung der «Vororte» durch plündernde Banden umschwenkte und kein Wort über die Lage von Afroamerikanern verlor. Biden hatte auch hier einen Konter parat: Die Vororte würden durch das Versagen Trumps bei Covid-19 und sein Schüren von Hass bedroht.

Unterm Strich hat Trump vielleicht den harten Kern seiner Basis streckenweise begeistert. Aber seine Defizite bei gebildeten Weissen, Frauen und Minoritäten hat er keinesfalls gut gemacht. Die Mehrheit der Amerikaner dürfte spätestens nach diesem Auftritt die Rückkehr zu einer «Normalität» von Vernunft, Respekt und Ehrlichkeit herbeisehnen, wie sie Joe Biden verspricht.

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© tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 30. September 2020






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Laut und wirr gegen pointiert und sachlich: Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden an der ersten öffentlichen Debatte
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