Stolperstein 6773Zentrales oder dezentrales Gedenken an Naziopfer?


Hanswerner Kruse

Schlüchtern / Fulda (Weltexpresso) - Als vor vier Jahren erste Stolpersteine in Schlüchtern verlegt werden sollten, spotteten Kritiker, dann müsse man ja die ganze Hauptstraße damit pflastern. Mittlerweile sind 34 Gedenksteine in der Innenstadt verlegt worden, von über dreihundert jüdischen Mitbürgern die einst hier lebten, wurden sieben Familien – symbolisch! - an ihre letzten freiwilligen Wohnorte zurückgebracht und zusammengeführt.

Die Schlüchterner Stadtmitte ist noch nicht vollgepflastert, doch man staunt bereits jetzt, wie viele Juden einst hier unter uns lebten. Widerstand gegen die Gedenkplatten, die von der Stadt im öffentlichen Raum verlegt wurden, gab es nicht. Manche Nachfahren forderten von der Stadt Schlüchtern sogar Stolpersteine für ihre verfolgten oder ermordeten Verwandten. Zu den Festakten mit dem Bürgermeister reisten jüdische Nachkommen oft von weit her an. Für die früh vertriebene und enteignete jüdische Familie Wolf, die in Schlüchtern das Dreiturm-Werk gründete, wurden ebenfalls Steine verlegt. Doch Fabrikant Max Wolf war radikaler Sozialist und Atheist: Das macht deutlich, Stolpersteine erinnern nicht nur an Juden mosaischen Glaubens, sondern an alle Opfer der Nazis: Politisch Verfolgte, Menschen mit Behinderung, Roma und Sinti, Homosexuelle, Christen im Widerstand...

Fulda ist von Orten umgeben, in denen Stolpersteine verlegt wurden, lehnt selbst aber diese dezentrale Form des Gedenkens ab. Zwar gab es in den letzten Jahrzehnten mehrere Initiativen, aber seitens der Stadt wurden „keine eindeutigen Voten“ für die Projekte abgegeben. Auf Anfrage wies das Presseamt stattdessen auf das zentrale Gedenken durch ein „Erinnerungsband“ auf den Umrissen der ehemaligen Synagoge und die Auflistung der 244 von den Nazis ermordeten jüdischen Gemeindemitglieder hin: Hier werde zukünftig ein zentraler Gedenk- und Bildungsort entstehen. Ebenfalls soll der ehemalige jüdische Friedhof zu „einem weiteren Ort des Erinnerns“ umgestaltet werden. Vor zwei Jahren wurde Frau Anja Listmann zur Beauftragten für das jüdische Leben in Fulda berufen. Als Lehrerin führt sie selbst zahlreiche Projekte mit Jugendlichen in der Winfriedschule durch, in denen intensiv die Schicksale der vertriebenen und ermordeten Mitbürger erforscht werden.

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Die Barockstadt hat eine jüdische Gemeinde mit über dreihundert Mitgliedern, in der das jüdische Leben mit Erinnerungen und Gedenken gepflegt wird. Das Verhältnis einiger jüdischer Gemeinden zu den Stolpersteinen ist widersprüchlich, der orthodoxe Vorsitzende der Fuldaer Gemeinde Roman Melamed spricht sich deutlich dagegen aus. Seiner Meinung nach passen sie nicht zum jüdischen Leben und dessen Ritualen, außerdem seien Tafeln, auf die man mit Füßen treten könne, entwürdigend.



Sowohl die Stadt Fulda als auch Listmann favorisieren die oben genannten zentralen Erinnerungen - die Stadt jedoch offensichtlich nur für jüdische Menschen. Trotz Anfragen im Presseamt gab es zu Stolpersteinen für nichtjüdische Nazi-Opfer bzw. Juden ohne Religion keine Antwort. 

Nicht nachvollziehbar ist, wieso am Ende der Arbeit mit den Jugendlichen nicht (auch noch!) Stolpersteine verlegt werden könnten. Grundsätzlich sind zentrales und dezentrales Gedenken kein Widerspruch und müssen sich nicht ausschließen. Wichtig ist, so das Fazit des Gesprächs im jüdischen Gemeindezentrum, dass beide Seiten aufeinander zukommen und sich gegenseitig respektieren - vor allem aber einig sind, dass die Erfahrungen der Vergangenheit Konsequenzen für unser Handeln in der Gegenwart haben müssen.

Auch in Schlüchtern befassen sich Kinder und Jugendliche in der – soeben umbenannten - Max-Wolf-Schule intensiv mit der Geschichte einzelner Familien, engagieren sich bei Verlegungen und unternehmen vorbereitete Klassenfahrten in Konzentrationslager. Von ihrer Lehrerin Inga Heß werden Stadtführungen auf den Spuren jüdischen Lebens angeboten. Auch dazu ist - wie in Fulda - eine App mit vertiefenden Informationen zum Rundgang geplant.


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Demnig 3253Man soll über Stolpersteine am Boden gedanklich stolpern, nicht wirklich fallen. Sie regen zum Nachdenken an und verdeutlichen, wie viele der Naziopfer einst unter uns lebten. Um die Inschriften zu lesen muss man sich vor den Gedenktafeln verbeugen! Ursprünglich wollte Künstler Gunter Demnig die Platten an Gebäuden anbringen, doch dazu ist die Genehmigung der Besitzer notwendig, die selten gewährt wurde. Deshalb werden die Steine auf öffentlichen Straßen und Plätzen verlegt, dafür zuständig sind Stadtverwaltungen, keine jüdischen Gemeinden oder andere Institutionen. 

Jeder Verlegung geht eine gründliche Recherche voraus, erst dann stimmt Demnig den Verlegungen zu und verlegt die ersten Platten immer selbst. Mittlerweile sind seit dreißig Jahren in über 30 Ländern einhunderttausend Stolpersteine verlegt worden. Dieses Projekt des Künstlers ist nicht nur eine soziale Plastik im Sinne Josef Beuys und das größte Gesamtkunstwerk der Erde. Sondern es ist vor allem das gewaltigste, aber dezentrale Erinnerungs- und Gedenkmonument an die Naziopfer.


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Die Steine sind keine Grabplatten, sie können also im Wortsinn gar nicht „geschändet“ werden. Demnig selbst fordert jedoch ausdrücklich Toleranz für die Kritiker seines Projekts. Seltsamerweise nutzen seine Gegner gelegentlich die typisch antisemitische Verleumdung, der Künstler sei geldgierig... Doch alle Einnahmen fließen in eine Stiftung, die der 76-jährige vor langer Zeit gründete. Sie stellte ihn als Mitarbeiter an und soll generell die Fortsetzung seines Werks ermöglichen.




Fotos:

Hanswerner Kruse

  • Stolpersteine in Schlüchtern (oben)
  • Clas Röhl von der Schlüchterner Initiative (links), der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Roman Melamed und die städtische Beauftragte Anja Listmann diskutieren unterschiedliche Standpunkte (im Museum der Jüdischen Gemeinde)
  • Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Schlüchtern
Info:
Stolpersteine in Schlüchtern