Die Finalisten des Deutschen Buchpreises 2014 , Teil 16

 

Claudia Schulmerich

 

München (Weltexpresso) – Lutz Seiler ist 1963 in Gera geboren und vor allem als Lyriker bekannt. Die Geschichte von KRUSO, dem Alexander Krusowitsch, genannt Losch, ist eine der Menschwerdung des Ed, der als unglücklicher junger Mann nach Hiddensee flieht, wo das Reich des KRUSO herrscht.

 

 

Nicht bösartig, nein, kein Höllenhund, aber doch alles überlagernd. Was jedoch genau darunter zu verstehen ist, das wissen wir auch nach 476 Seiten nicht,. Das mag damit zusammenhängen, daß wir nicht anders können, als als Frau KRUSO zu lesen. Selten gibt es Romane, die einem so eindeutig von einem Mann geschrieben zu sein scheinen. Selten auch Romane, die für uns so eindeutig für Männer geschrieben worden sind – ob bewußt oder nicht. Auf jeden Fall ist dieses Reich sehr viel umfassender, als es der Lageplan auf den Seiten weismacht, wo andererseits ABWASCH in Richtung linke untere Ecke mit der Eiflugschneise die Richtung teilt, was nicht Richtung Meer, sondern zum Hof führt.

Auch der Tisch, um den die Gesellen reihum ihren Platz haben, ist eingezeichnet. Kruso, der den Klausner, das alte Ausflugslokal als Burg ausbaut,  wird so zu dem, der diejenigen aufnimmt, die ihren Platz in der Welt der DDR verloren haben, aber sich noch nicht aufgegeben haben. Noch nicht ganz. Das Ganze hat schon etwas von einem jugendherbergsväterischen Tun, aber Kruso hat Höheres im Sinn und ist im Kleinen einen Weltenschaffer, ein kleiner Herrgott, der die anderen sicher lenkt, obwohl seine Devise für alle Freiheit heißt. Das erinnert auf Seiten derer, die durch Kruso Erleuchtung finden durchaus an die Siebziger Jahre in Westdeutschland, als reihenweise junge Leute im Osten, in Indien die Weisheit und wie man leben sollte, suchten.

„Tatsächlich schien es keinen guten Vergleich zu geben für die Wirkung der Insel, und viel erklärten, es existierten ohnehin keine großen Worte dafür. Zu sagen sei nur, dass sie es an diesem Ort, am Großen Inselblick nämlich, plötzlich wieder zu spüren begonnen hätten, die verschütteten Wurzeln, wie Kruso es nannte, das Bild, zu dem alle wieder nach Hause wollen, ‚einfach heim‘, so formulierte es derjenige, der vom trunkenen Hund ins seiner Hütte gesprochen hatte. Mit seine ribtteren Bildan verhaarte er lange unter der Tpr, ehe er sich ausstreckt an Eds Seite un d sofort absackte in den Schlaf, während Ed noch lauschte. Brandung  und Kiefernrauschen.“ (257)

Starkr kommen einem all die Abenteuerromane in den Sinn, in denen Menschen in fernen Landen fast strandeten und dann unter Todesangst die Stärke in sich entdeckten, die sie erst zu Erwachsenen und Überlebenden machte. Robinsonaden nennt man solche Literatur, die in der Isolation Grundkonflikte von Natur und Kultur, Naturzustand des Menschen und Zivilisation im Handeln überwinden läßt.

Was einem beim Lesen angenehm  wird, das ist das Nichtmoderne, das Nichtmodische, auf das dieser Roman gut verzichten kann, zum einen, weil er um 1989 und davor in der DDR handelt, zum anderen, weil es wirklich um Landschaft und die ihr zugehörigen Leute geht, was als Zweiheit dann ein Eigenleben gewinnt, wo Bäume genauso dazugehören, wie die Geschichten von früher, die sich in der Erinnerung der Natur bewahrt haben. Bewahrt hat sich unser Held Edgar trotz des abgebrochenen Gemanistikstudiums die Liebe zur Dichtung, insbesondere Georg Trakl, auch Novalis. Das ist schön.

Nicht schön ist, daß ein deutscher Dichter falsch verstandene Wendungen aus dem Englischen übernimmt wie die Unmöglichkeit, daß etwas „Sinn mache“. Das nehmen wir übel, auch wenn Lutz Seiler damit nicht alleine steht. Noch übler aber nehmen wir so etwas dem Lektorat.

Wir haben übrigens mit der Hörfassung begonnen, die einen schon durch die Katzengeschichte von Matthews irritiert weiter zuhören läßt. Das Geraune der Insel kommt beim Hören gut heraus. Aber trotzdem würden wir KRUSO  nicht den Deutschen Buchpreis geben. Das schreiben wir deshalb auf, weil kein anderer Roman so als potentieller Buchpreisträger gehandelt wird, wie dieser. Warten wir es ab.

 

Was die Jury des Deutschen Buchpreises dazu meint:

 

Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben. Er wird Abwäscher auf Hiddensee, jener legendenumwogten Insel, die, wie es heißt, schon außerhalb der Zeit liegt. Im Abwasch des Klausners, einer Kneipe hoch über dem Meer, lernt Ed Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte, in denen Ed seine sexuelle Initiation erlebt. Doch der Herbst 89 erschüttert die Insel. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.

 

INFO: Lutz Seiler, Kruso, Suhrkamp Verlag 2014

Lutz Seiler, Kruso, Hörbuch vom Hörbuch Hamburg  2014, gelesen von Franz Dinda

 

 

Vergleichen Sie auch die Berichterstattung der Lesungen der Finalisten aus dem Literaturhaus Frankfurt:

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3565-vorstellen-und-lesen-der-finalisten-im-literaturhaus-frankfurt

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3565-vorstellen-und-lesen-der-finalisten-im-literaturhaus-frankfurt

 

http://weltexpresso.tj87.de/index.php/buecher/3567-im-literaturhaus-frankfurt-hettche-melle-seiler

 

 

 

 

 

Der Deutsche Buchpreis wird am 6. Oktober abends im Kaisersaal des Frankfurter Römer bekanntgegeben und verliehen.

 

 

Der Börsenverein teilt mit: Die Preisverleihung im Live-Stream mitverfolgen

Wer gewinnt den Deutschen Buchpreis 2014? Zuschauer können von zuhause oder unterwegs aus live dabei sein, wenn am 6. Oktober 2014 der Preisträger oder die Preisträgerin bekanntgegeben wird. Unter www.deutscher-buchpreis.de wird die Preisverleihung ab 18 Uhr in Bild und Ton übertragen.

Mit dem Deutschen Buchpreis 2014 zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind zudem die Frankfurter Buchmesse, Paschen & Companie und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur übertragen die Preisverleihung live im Rahmen von „Dokumente und Debatten“ auf den LW 153 und 177 kHz, per Livestream im Internet unter www.deutschlandradio.de sowie im Digitalradio DAB+.