Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 24. Dezember 2015, Teil 3

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Es gibt nicht viele Filme, die ich uneingeschränkt für jeden empfehle, weil in ihnen etwas verhandelt wird, das mit einem selber zu tun hat, nämlich Fragen, welchen Einfluß eine bestimmte Entscheidung auf das eigene Leben gehabt hat, wie Erinnerung schwindet und man beispielsweise noch den Geruch von etwas in der Nase oder den Geschmack auf der Zunge hat, sich aber an die Gelegenheiten nicht mehr erinnert.

 

Nein, wir wollen nicht auf Marcel Proust hinaus, sondern auf den 93jährigen MR HOLMES, der sich nach einem Fall, der ihm persönlich zu schaffen machte, abrupt als Detektiv in London 1974 verabschiedet und nach Sussex zieht, ins schöne geruhsame Südengland, wo er seitdem in einem Landhaus lebt und Bienen züchtet. Das ist 1947 nun fast 30 Jahre her und mitten in dem beschaulichen Leben treibt ihn auf einmal die Frage um, was es denn mit dem Fall auf sich hatte, dessentwegen er die Detektivarbeit aufgab. Er weiß nur noch, daß es um eine schöne Frau ging.

 

Wir haben den Film inzwischen einige Male gesehen und sind froh, daß wir mit unseren ersten Einschätzung, als er auf der diesjährigen Berlinale lief, auch heute völlig einverstanden sind, weshalb wir den Aufruf empfehlen von

http://weltexpresso.tj87.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4209:mr-holmes&catid=79:kino&Itemid=471

Dort steht alles, was es zum Hintergrund um den Meisterdetektiv und zum Handlungsverlauf zu sagen gibt.

 

Wir wollen hier auf etwas anderes hinaus. Denn hinter der Handlungsebene vom, dem Vergessen anheimfallenden Mann, der sich dagegen listig durch Erinnerungstricks wehrt, fällt einem an der filmischen Machart auf, daß sie den detektivischen Regeln als Film folgt. Wie in einem Puzzle setzt der Film die von Holmes festgestellten Erinnerungslücken in eine detektivisch verfolgte Spur um, wobei wir wie Mr Holmes selbst auf dünnem Eis schlittern und uns wie er mit den von ihm imitierten Schritten dem Geheimnis nähern, was es mit diesem letzten Fall auf sich hatte, wobei dieser Film so ganz nebenbei noch eine gelungene psychoanalytische Aufarbeitung leistet, denn mit Holmes wissen wir am Ende ganz genau, warum er lange vergessen mußte, um weiterleben zu können und warum jetzt der Zeitpunkt ist, versöhnlich mit einer damals falschen Entscheidung weiterzuleben. Dieser Film ist auch die gelungene Vereinigung von Scharfsinn der Holmschen Detektivkunst mit der Freudschen Psychoanalyse.

 

 

Wir lernen Mr Holmes (vielschichtig und wunderbar Sir Ian McKellen) kennen, als er von einer Fahrt nach Japan zurückkehrt. Dorthin war er des Japanischen Pfeffers wegen gereist, der die beste Medizin gegen das Vergessen sei, weshalb er eine solche Pflanze mitbringt. Allein der erste Eindruck im Abteil stellt die Situation klar da: der Alte beobachtet alles wie ein Luchs, durchschaut alles wie ein psychologisierender Philosoph, aber er hat Probleme. Die liegen zum einen in der nachlassenden Erinnerung, aber auch daran, daß er zeitlebens gegen das Bild, das sein treuer, nun schon gestorbener Watson in seinen Sherlock Holmes Geschichten von ihm zeichneten. Absolut falsch, was ihn als Person angeht. Das fängt Äußerlichkeiten schon an, mit der Pfeife, wo er doch Zigarren raucht, und jeder Leser den Detektiv besser kennt als er sich selber, der nur sagen kann: Ich ist ein anderer. Und diese Deerstalkermütze, das weiß inzwischen jeder, hat ihm sein erster Illustrator verpaßt, der zweite fügte dann der von Watson beschriebenen geraden Pfeife die gebogene hinzu, weil man dann mit der Pfeife im Mund weiterhin reden kann.

 

Gegen dies Fremdbild hat Holmes ein Leben lang angekämpft, weshalb er sich entschlossen hatte, nun in eigenen Memoiren ein Selbstbild von sich herzustellen, wozu unabdingbar ist, daß er den letzten Fall aufrollen kann, der ihn aufhören ließ. Er erinnert sich nur noch an seinen Auftraggeber, Mr Thomas Kelmont....Nun kommt Roger (intensiv Milo Parker) ins Spiel, der elfjährige Sohn seiner Hauswirtschafterin (Laura Linney), der neugierig und unerbittlich den Alten auf Lücken in der Beweisführung, in der Logik der Darstellung hinweist, er hat nämlich den Anfang der Memoiren gelesen und fragt in Detektivmanier nach der Fortsetzung, wobei die Regie nun längst schon den internen Mechanismus, ja Automatismus von filmischer Weiterarbeit in Gang gesetzt hat und wir die Erinnerungsarbeit nun immer in den Filmszenen von 1919 sehen.

 

Mehr wollen wir eigentlich dazu nicht sagen, denn der Film entschlüsselt sich selbst. Es wäre aber unfair die hervorragenden Schauspielerleistungen nicht herauszuheben. McKellen ist in einer Person der pessimistische 93jährige mit herabhängender Unterlippe und offenem Mund. Ein Greis. Und er ist der selbstbewußte Mitsechziger, der an die Frau gerät, die es wohl gewesen wäre, wenn...Eine anrührende, menschliche Darstellung. Das gilt auch für Laura Linney, die die Defizite ihrer Filmfigur im Sozialstatus und als Witwe wunderbar subtil, spröde, verletzlich, mit aufblitzender Zuversicht und vor allem Liebe für ihren Sohn in Mimik und Gestik wiedergibt. Herb und am Verblühen, blüht in ihren Augen immer wieder etwas auf. Milo Parker ist ein Ereignis. Aufgeweckt, ja total versessen auf Mehr, mit großen Augen setzt er immer wieder die Geschichte in Gang, die ein Selbstläufer wird. Und dann Hattie Morahan als Anna, um die sich eigentlich alles dreht, etwas verhuscht und sehr innerlich.

 

Natürlich wäre die Japangeschichte auch zu referieren, denn am Schluß klärt sich auch das Geheimnis, das sich für uns Zuschauer und auch für Holmes um den Japaner rankt, dessen Familie er in Japan besucht hatte. Eine kleine Satire dann noch nebenbei. Ein einfach wunderbarer Film.

 

Foto: Anna (Hattie Morahan ) und Holmes (Ian McKellen)