DeutsschlandfunkSerie: Das brennende Haus der Nachbarn – Ukraine, Teil 7

Rüdiger Walter

Aalen (Weltexpresso) - Der Videoclip zeigt eine Gruppe von Männern im mittleren Alter, die auf der Straße vor einem hell erleuchteten Gebäude stehen. Der Sprecher hält das Mobiltelefon, das die nächtliche Szene festhält, weit von sich, nur mit Mühe bekommt er alle fünf Männer ins Bild. „Guten Abend an alle“, sagt er mit ruhiger Stimme.

„Der Fraktionschef ist da, der Leiter des Präsidentenbüros ist da, Premierminister Shmygal ist da, Podolyak ist da, der Präsident ist da. Wir sind alle da. Unsere Soldaten sind da. Die Bürger sind da und wir sind da. Wir verteidigen unsere Unabhängigkeit. So wird das laufen. Es leben unsere Verteidiger, Männer und Frauen, es lebe Ukraine.“(1)

Ganze 31 Sekunden hat die scheinbar unspektakuläre Szene gedauert, aber sie wird das Land prägen. Ein paar Stunden zuvor hat der Sprecher, Präsident Volodymyr Selenskyi, das Angebot einer Evakuierung mit jenem Satz abgelehnt, an den sich die Welt später erinnern wird:
„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit!“

Die Botschaft verbreitet sich rasend schnell. In den nächsten Monaten wird Präsident Selenskyi über sich hinauswachsen, und ebenso diejenigen, die er anspricht, die ukrainischen Soldaten und die ukrainische Zivilgesellschaft.

Ein paar Kilometer weiter nördlich spielt sich eine ähnliche Szene ab, nur haben die Männer keine Zeit für ein Selfie. Ein Orchestermusiker ist da, ein Familientherapeut, der in seiner Freizeit argentinischen Tango unterrichtet, ist da, ein Anwalt und Hobbyfunker ist da, er wird sich um die Kommunikation kümmern, ein passionierter Jäger, der zum Scharfschützen wird, ist da, mehrere Bauarbeiter sind da, ein Tankwart ist da und andere mehr. Als sie unter Beschuss geraten, schaffen sie einen Betonmischer und eine Planierraupe zur Deckung heran. In den Mauern eines halbzerstörten Gebäudes entzünden sie ein Feuer, um sich abwechselnd aufzuwärmen und die Kleider zu trocknen. Es gelingt ihnen, die Angreifer aufzuhalten, bis Armeeeinheiten eintreffen.(2)
Szenen wie diese spielen sich tausendfach ab. Bürgermeister kümmern sich um die Versorgung von Menschen, deren Häuser zerschossen wurden. Wer nicht erst seine Familie in Sicherheit bringen muss, organisiert praktische Hilfe. Eigeninitiative, Kreativität, Improvisation und Selbstorganisation erfassen das ganze Land. Niemand hat diesen Krieg gewollt. Niemand tut das aus Begeisterung. Sie tun es, weil es notwendig ist. Weil es richtig ist. Weil die Zukunft ihres Landes, ihrer Stadt und ihrer Familien auf dem Spiel steht.

Nur Wochen nach Kriegsbeginn ist Ausmaß und Systematik der Kriegsverbrechen der russischen Armee für jedermann sichtbar. Wir mögen Krieg aus der sicheren Entfernung für das Schlimmste halten, was es gibt. Doch Menschen, die genau verstanden haben, dass nur ihr Militär zwischen ihnen und einem Folterkeller steht, oder davor, einfach so vom Fahrrad geschossen zu werden, denken darüber anders. Sie wissen sehr viel besser als wir, was ihnen droht, und sie sind ihren Soldaten dankbar. Die wiederum sind nicht irgendwer. Sie sind Freunde, Nachbarn, Familienangehörige.

Das erklärt die massive und kreative Unterstützung, die den ukrainischen Streitkräften aus der Zivilbevölkerung heraus entgegengebracht wird. Insbesondere die junge technische Intelligenz hat dabei eine wichtige Rolle übernommen. Ingenieure, Studenten, Handwerker und Hobbybastler schließen sich zusammen und überlegen, was gebraucht wird. Die Schutzwesten der ukrainischen Armee sind veraltet und unbequem. Ihre Freunde an der Front klagen darüber. Junge Leute gründen ein Startup, das Startkapital besorgen sie sich innerhalb von Tagen per Crowdfunding. In Tag- und Nachtarbeit entwickeln sie verschiedene Varianten effizienterer und leichterer Schutzwesten und testen sie. Haben sie ein erfolgversprechendes Konzept entwickelt, suchen sie sich eine Armeeeinheit und stellen den Soldaten ihre Weste vor. Prototypen werden im Einsatz erprobt, die Erfahrungen und Änderungswünsche fließen auf kurzen Wegen an die Konstrukteure zurück. Binnen Monaten ist daraus ein mittelständisches Unternehmen geworden, das die Armee zigtausendfach mit brauchbaren Westen versorgt, finanziert per Crowdfunding.(3) Solche Beispiele lassen sich beliebig anführen: Informatiker entwickeln eine kartenbasierte Software, die Informationen aller umliegenden Militäreinheiten sammelt und so den Überblick über Feindbewegungen in Echtzeit zur Verfügung stellt.(4) Kamerabestückte Drohnen aller Größen werden inzwischen in siebenstelliger Anzahl im Inland, zum Teil in Heimarbeit, selbst produziert und fortlaufend weiterentwickelt.(5)

Zehntausende Freiwillige haben sich der Armee angeschlossen. Der Frauenanteil steigt beständig, im Januar 2024 betrug er 7,3 Prozent, 62.000 in absoluten Zahlen, 7.000 Frauen haben inzwischen Offiziersränge erreicht, viele im direkten Kampfeinsatz an der Front.(6) Das verändert auch die Männerbund-Kultur im Militär.

Aber auch das zivile Leben geht weiter und will organisiert sein. Millionen Menschen mussten fliehen, versorgt und untergebracht werden. Wer etwas Nützliches entbehren kann, trägt es zu Sammelstellen, die von Freiwilligen in Eigeninitiative eingerichtet werden. Das ist keine einmalige Anstrengung, sondern eine dauerhafte. Gelder müssen gesammelt werden. Was wird wo gebraucht? Die Schätze der Museen und Bibliotheken müssen in Sicherheit gebracht werden. Zerstörte Dörfer wie Jahidne müssen wieder aufgebaut werden, die traumatisierten Einwohner benötigen Zuspruch.
Manchmal spielt Galgenhumor keine ganz unbedeutende Rolle. Die Ukrainer*innen haben sich eine besondere Art von „Bestrafung“ für die nächtlichen Raketenangriffe auf ihre Stadt ausgedacht. Jedesmal, wenn die Luftschutzsirenen aufheulen, überweisen die Bewohner rasch per Handy einen kleinen Betrag auf ein Spendenkonto der Armee, bevor sie sich in die Schutzräume begeben. Die Idee hat Anklang gefunden, inzwischen kommt einiges zusammen, bald jede Nacht.(7)

Am Erstaunlichsten aber ist die Lawine kultureller Aktivitäten, die das Land unter Kriegsbedingungen erfasst hat. Das Bedürfnis, einen Ausdruck zu finden für das, was geschieht, trifft auf eine große Nachfrage derer, die in dieser Kultur ein Antidot gegen die Trauer, die Angst und Verzweiflung finden. Schriftsteller organisieren Lesungen für Soldaten an der Front, Musiker spielen für die von den allnächtlichen Luftalarmen ausgelaugten Schutzsuchenden in U-Bahnschächten. Buchläden eröffnen und werden rege frequentiert. Opernhäuser und Theater arbeiten unter der Drohung von Raketenangriffen unvermindert weiter. Menschen, die zuvor ganz andere Berufe hatten, beginnen, Gedichte zu schreiben, sie zirkulieren zu tausenden in sozialen Netzwerken. Kinderbücher werden geschrieben und publiziert – man muss doch irgendwie den Krieg von ihnen fernhalten, so gut es geht, und ihre verletzten Seelen heilen. Andrej Kurkow beschreibt ein Beispiel:
„Im Puppentheater von Winnyzja feiert bald ein Theaterstück über vier geflüchtete Katzen Premiere. Diese heldenhaften Haustiere, von denen jedes seinen eigenen Charakter und seine eigene Biographie hat, leben gemeinsam in einem Luftschutzkeller. Dort zanken sie sich und vertragen sich wieder, lernen, wie man Kompromisse eingeht und wie man sich als Flüchtlingskatze zu verhalten hat. Eine der Figuren des Stücks ist Busja, die Räder unter ihren gelähmten Hinterbeinen hat. Die Autoren nennen dies Theatergattung ‚Katzentherapie’. Das Stück wurde bereits von Theatern in anderen Städten der Ukraine sowie in Großbritannien, Schweden und Estland inszeniert. Kindern gefällt die Geschichte der vier Katzen, deren Leben durch den Krieg auf den Kopf gestellt wurde, und sie besprechen die Botschaft des Stücks gerne zu Hause weiter.“(8)

In der Kultur versichert sich die Gemeinschaft ihrer selbst. Ihr Stellenwert für das Überleben und das Zurückfinden der Menschen in ein geregeltes Leben kann kaum überschätzt werden. Doch auch die Schriftsteller, Künstler, Musiker, Schauspieler bezahlen einen hohen Preis. Der 50-jährige Serhii Zhadan kämpft nun als Freiwilliger an der Front. Die Schriftstellervereinigung PEN Ukraine zählt auf ihrer Webseite aktuell 76 im Krieg getötete Künstler auf, betont aber, dass es in den besetzten Gebieten noch sehr viel mehr Fälle geben wird, über die keine Informationen nach außen dringen.(9)
Einer von ihnen ist der 50-jährige Lyriker und Kinderbuchautor Volodymyr Vakulenko. Er lebt in dem kleinen Dorf Kapytolivka. Am 22. März 2022 werden er und sein autistischer 13-jähriger Sohn von russischen Truppen verhaftet. Das Haus ist voller ukrainischer Bücher, einschließlich seiner eigenen. Sie werden geschlagen, zunächst aber wieder freigelassen. Doch er ahnt, dass seine Tage gezählt sind. Vakulenko vergräbt das Tagebuch, das er seit Invasionsbeginn führt, im Garten des Hauses unter einem Kirschbaum, dort wird die Schriftstellerin Victoria Amelina es später finden. Zwei Tage später wird er erneut verhaftet, danach verliert sich seine Spur. Im September 2022 wird das erste von mehreren Massengräbern in einem Wald nahe Izium entdeckt, es enthält 447 Tote. Leichnam Nummer 319 wird später mithilfe einer DNA-Analyse als der Vakulenkos identifiziert. In seinem Kopf finden Forensiker zwei Kugeln aus einer Makarov-Pistole.(10)

Etwa zur selben Zeit wendet sich der prominente ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow per Facebook an seine Landsleute:
„Liebe Kollegen-Freunde und Freunde-Freunde! Wann immer ihr in diesen schrecklichen Zeiten die Möglichkeit und die Muße habt: Versucht Tagebuch zu schreiben, notiert eure Gedanken, haltet fest, was ihr seht, was euch selbst und den Menschen in eurer Umgebung passiert.“
Und Kurkow fügt hinzu: „Wir werden diese Zeugnisse in naher Zukunft dringend brauchen!“(11)
 

(1) https://www.youtube.com/watch?v=wgCNKhtZYks
(2) Hrytsak: Ukraine, S. 7f
(3) https://ukraineworld.org/en/articles/stories/story-121
https://www.youtube.com/watch?v=JEp9BBKqnoc
(4) https://www.theguardian.com/world/2022/dec/18/our-weapons-are-computers-ukrainian-coders-aim-to-gain-battlefield-edge
(5) https://www.wired.com/story/ukraine-drone-startups-russia/
https://www.kyivpost.com/post/46892
(6) https://war.ukraine.ua/articles/how-many-women-are-defending-ukraine-against-russia-s-invasion/
https://www.unwomen.org/en/news-stories/feature-story/2024/10/in-the-ukraine-war-women-are-on-the-front-lines-and-leading-recovery
(7) Anrej Kurkow: Im täglichen Krieg, Innsbruck-Wien, 2024, S. 35
(8) ebd. S. 423
(9) https://pen.org.ua/en/ukrayinskyj-pen-ta-the-ukrainians-media-zapuskayut-onlajn-proyekt-lyudy-kultury-yakykh-zabrala-vijna;
https://theukrainians.org/spec/peopleofcultureeng/
(10) https://pen.org.ua/en/volodymyra-vakulenka-vbyly-rosijski-okupanty; https://www.theguardian.com/world/2023/jul/22/a-murdered-writer-his-secret-diary-of-the-invasion-of-ukraine-and-the-war-crimes-investigator-determined-to-find-it
(11) Zitiert nach Francesca Melandri: Kalte Füße, Berlin, 2024, S. 154f



Foto:
©

Info:
Die Artikel folgen der Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag am 27. 1. 2025 in der Stadtkirche Aalen
Video-Aufzeichnung: https://www.youtube.com/watch?v=gX_iyBeUyKY

 

Leseempfehlungen

Zur Gewaltgeschichte Osteuropas:

Timothy Snyder: Bloodlands
Europa zwischen Hitler und Stalin C.H.Beck, 34.- €

Zum Holodomor:

Anne Applebaum: Roter Hunger
Stalins Krieg gegen die Ukraine Siedler, 39.- €

Zur Geschichte Ukraines:

Serhii Plokhy: Das Tor Europas
Die Geschichte der Ukraine Hoffmann und Campe, 30.- €

Yaroslav Hrytsak: Ukraine
Biographie einer bedrängten Nation C.H.Beck, 34.- €

Literarische Annäherungen:

Francesca Melandri: Kalte Füße
Wagenbach, 24.- €

Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg
Haymon, 22.90 €

Namen und Schreibweisen

Dieser Text weicht in zweierlei Hinsicht vom allgemeinen Sprachgebrauch ab:

  1. Ukrainische Orte werden mit ihren ukrainischen Namen bezeichnet. Die in der deutschen Sprache gebräuchlichen Ortsnamen sind nahezu durchgängig Transkriptionen der russischen Bezeichnungen: Die Hauptstadt Ukraines heißt „Kyiv“ (oder „Kyjiv“). „Kiew“ ist die Transkription des russischen Namens der Stadt. Odesa etwa wird im Ukrainischen mit einem „s“ geschrieben, das Doppel-S entspricht der russischen Schreibweise. Chernobyl heißt eigentlich Chornobyl, der Dnjepr Dnipro. Im deutschen Sprachgebrauch spiegelt sich also unreflektiert der Blickwinkel der Kolonialmacht wider.
  2. Das Land wird als „Ukraine“ bezeichnet und nicht als „DIE Ukraine“. Der im Deutschen gebräuchliche Artikel verweist ebenfalls auf eine koloniale Sichtweise: Sie nimmt nicht ein politisches und gesellschaftliches Gemeinwesen, eine Nation, in den Blick, sondern vielmehr ein Territorium. Weitergedacht: Ein Territorium, das in irgendjemandes Besitz ist, eine Art Niemandsland, eine Kornkammer, bereit für den Eroberer. So haben das die Zaren gesehen, die Bolschewiki und auch die Nazis. Auch diese mentale Erbschaft gilt es sich bewusst zu machen - und auszuschlagen.



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