
Rüdiger Walter
Aalen (Weltexpresso) - „Haltet fest, was ihr seht, was euch selbst und den Menschen in eurer Umgebung passiert.“
Auch Victoria Amelina ist zu diesem Schluss gekommen. Die Realität sei soviel intensiver als das Fiktionale, dass es unmöglich geworden sei, Romane zu schreiben.
Victoria Amelina wurde 1986 in Lviv, dem früheren Lemberg, geboren und ist dort russischsprachig aufgewachsen. Im Alter von 14 Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Kanada. Einige Jahre später kehrte sie nach Lviv zurück, studierte dort Computerwissenschaften und arbeitete anschließend in der IT-Branche. 2014 veröffentlichte sie ihren ersten Roman "The Fall Syndrome or Homo Compatiens". Nach der Maidan-Revolution widmete sie sich ganz der Schriftstellerei und begann, ukrainisch zu sprechen und zu schreiben. 2017 erschien ihr zweiter Roman, „Dom’s Dream Kingdom“, der ihr den Joseph-Conrad-Literaturpreis einbrachte. Es folgten Kinderbücher. 2021 schließlich gründete sie das „New York Literaturfestival“ – nein, gemeint ist nicht das New York, sondern die Kleinstadt New York 40 km nördlich Donezk – sie liegt heute genau in der Kampfzone.
Aber der russische Großangriff 2022 veränderte alles. Victoria Amelina schloss sich der ukrainischen Menschenrechtsorganisation „Truth Hounds“(1) an, durchlief dort eine Ausbildung und begann, Kriegsverbrechen zu recherchieren und zu dokumentieren.
Dahinter verbirgt sich eine größere und sehr beeindruckende Geschichte. Einen Monat nach Invasionsbeginn schlossen sich Menschenrechtsorganisationen aus allen Regionen Ukraines zu einem Verbund zusammen – inzwischen sind es 24 Organisationen – dem sie den Namen „Tribunal for Putin“, abgekürzt „T4P“ gaben.(2) Eine der Initiatorinnen dieses Zusammenschlusses war die Anwältin und Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk. Ihr Grundgedanke war, dass die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden völlig überfordert sein würden, die Fülle an Kriegsverbrechen gerichtsfest aufzuarbeiten. Menschenrechtsorganisationen würden ihnen also zuarbeiten müssen, und zwar auf eine Weise, die den späteren Anforderungen der Staatsanwaltschaften und Gerichte genügen müsse. Diese Organisationen bilden nun Rechercheure aus, die u.a. in die befreiten Gebiete nahe der Front fahren und dort Bewohner befragen, Zeugenaussagen protokollieren und die Polizei informieren, wenn forensische Beweise gesichert werden müssen. Diese Zeugnisse werden dokumentiert, ebenso z.B. aufgefundenes russisches Aktenmaterial. Danach beginnt die aufwendige Recherche nach den Tätern und ihren Kommandostrukturen anhand öffentlich zugänglicher Quellen. Später werden alle Dokumente von Juristen geprüft und zu einer Einzelfallakte zusammengeführt. Die wird in eine gemeinsame Datenbank aufgenommen und schließlich der ukrainischen Staatsanwaltschaft übergeben, und ebenso dem Internationalen Strafgerichtshof.(3) Es gibt noch ein zweites Bündnis namens „5am“ mit ähnlicher Zielsetzung,(4) auch sie speisen ihre Rechercheergebnisse in die gemeinsame Kriegsverbrechens-Datenbank ein.
Die Ergebnisse dieser kollektiven Anstrengung der Zivilgesellschaft sind überaus beeindruckend: Aktuell sind in dieser gemeinsamen Datenbank 82.695 ausrecherchierte Fälle einzelner Kriegsverbrechen dokumentiert. Hinzu kommen die von ukrainischen Strafverfolgern selbst untersuchten Fälle. Diese summieren sich, Stand September 2024, zu mehr als 135.000 Untersuchungsverfahren, die derzeit von der Generalstaatsanwaltschaft bearbeitet werden.(5) Wohlgemerkt: Es handelt sich dabei nicht um Kriegshandlungen, sondern ausschließlich um nach juristischen Kriterien als Kriegsverbrechen eingestufte Fälle!
Truth Hounds ist eine jener am „Tribunal for Putin“ beteiligten Organisationen und Victoria Amelina arbeitete für Truth Hounds als Rechercheurin, trug also mit bei zur Erarbeitung dieser Verbrechens-Datenbank. Im September 2022 reiste sie als Mitglied eines Untersuchungsteams nach Balakliia, nahe Izium. Von dort aus begab sie sich in das Dorf Kapitolivka, begierig, etwas über das Schicksal ihres Kollegen Volodymir Vakulenko zu erfahren, und suchte dessen Vater auf. Noch war der Kinderbuchautor vermisst, sein Leichnam im Massengrab von Izium nicht identifiziert. Vakulenkos Vater erinnerte sich wieder an das vergrabene Tagebuch unterm Kirschbaum. Victoria Amelina grub es aus und übergab es PEN Ukraine. Inzwischen wurde es veröffentlicht.(6)
Parallel zu ihrer Recherchearbeit schrieb Victoria Amelina an einem Buch über Frauen wie sie selbst, Menschenrechtsaktivistinnen, die in den Abgrund schauen und Kriegsverbrechen dokumentieren: „Looking at Women Looking at War“, ein, wie sie es nannte, „Kriegs- und Gerechtigkeits-Tagebuch“.
Victoria Amelina hat nachdrücklich an die „Rosstriljane widrodschennja“ erinnert, an das Schicksal der in den 1930er-Jahren ermordeten Schriftstellergeneration.(7) Sie habe den Eindruck, sich mitten in einer zweiten Welle zu befinden:
„Ich habe kürzlich eines meiner Geschichtsbücher ein zweites Mal gelesen und habe versucht, mir vorzustellen, was das für mich bedeuten würde, wenn sich die exekutierte Renaissance wiederholen würde. Etwa 90 Prozent meiner Freunde sind Schriftsteller, Künstler oder Bürgerrechtler. Das würde bedeuten, 90 Prozent meiner Freunde würden vom Regime ermordet werden. Schon der Gedanke ist entsetzlich. Das ist vielleicht der Grund, warum wir so verbissen kämpfen. (…)
Ich bin mir vollkommen bewusst, dass ich nur am Leben bin dank der ukrainischen Armee und dank unserer Alliierten, die uns mit Waffen versorgen. Ukraine ist ein sehr friedfertiges Land, uns geht es sehr um Kultur, Musik, Kunst, aber gleichzeitig, in jeder Sekunde meines Lebens, bin ich mir vollkommen bewusst, wie dankbar ich unserer Armee sein muss. Obwohl ich eine Menschenrechtsaktivistin bin, ist das Wichtigste für uns im Moment, Waffen zu bekommen, damit wir uns verteidigen können.(8)
Am 25. Juni 2023 moderierte Victoria Amelina auf der Kyiver Buchmasse „Book Arsenal“ eine Podiumsdiskussion zur Frage „Welche Verbrechen begeht Russland?“.(9) Zwei Tage später fuhr sie mit kolumbianischen Menschenrechtlern nach Kramatorsk, einer Stadt im Osten Ukraines. Erschöpft und hungrig von der Fahrt begab sich die Gruppe in eine Pizzeria und bestellte sich etwas zu essen.(10) Kurze Zeit später schlug dort eine russische Cruise Missile vom Typ Iskander-K ein, eine Präzisionswaffe: Sie war bewusst gezielt auf die zivile Menschenansammlung im Restaurant, auch das ein Kriegsverbrechen. 10 Menschen, darunter 3 Kinder, wurden sofort getötet, etwa 60 verletzt. Ein Splitter traf Victoria Amelina am Kopf. Am 1. Juli 2023 starb sie im Alter von 37 Jahren in einer Klinik in Dnipro.
Victorias eigene Organisation, Truth Hounds, hat den Angriff auf die Pizzeria von Kramatorsk detailliert untersucht.(11) Abgefeuert wurde die Cruise Missile von der 47. Raketenbrigade der 8. russischen Armee. Ihr Kommandeur – Victoria Amelinas Mörder – ist ein Oberst namens Vitaliy Bobyr, geboren am 6. Februar 1983, Passnummer 18 04 35 11 63. Es wird noch etwas dauern, aber wenn die Zeit gekommen ist, wird für ihn eine Zelle in Den Haag bereitstehen – jedenfalls solange wir verhindern, dass die Welt in Rechtlosigkeit versinkt.
Ihr fast fertiges Buch „Looking at Women Looking at War“ konnte Victoria Amelina nicht mehr vollenden, das Fragment ist im Februar 2025 auf Englisch erschienen und und wird im März 2025 auch in deutscher Übersetzung erhältlich sein.(12) „Solange ein Autor gelesen wird, lebt er“, schrieb sie im Vorwort zu Volodymyr Vakulenkos Tagebuch, dessen Manuskript sie unter jenem Kirschbaum ausgegraben hatte. Bislang hatte sich noch kein deutscher Verlag für das Werk von Victoria Amelina interessiert.(13)
Sofia Cheliak erinnert sich:
Lviv, Ende November 2020
Du warst gekommen, um Dich mit mir zu treffen. Es war der Gedenktag für die Opfer des Holodomor. Wir beschlossen, uns im Atlas zu treffen, einem historischen Lokal auf dem Lviver Marktplatz. In den dreißiger Jahren war dieses Restaurant ein Treffpunkt für Kulturaktivisten verschiedener Ethnien, Ukrainern, Juden, Polen und Deutschen. Das literarische Kollektiv Moloda Muza ("Junge Muse") hielt dort seine Soireen ab. Die meisten der Besucher, die das Atlas in den 1930er Jahren aufsuchten, überlebten die sowjetische oder nazistische Besatzung nicht.
An diesem Abend sprachen wir über den Einfluss des Generationentraumas auf unser Leben. Ich erzählte von meiner Familiengeschichte, und Du erzähltest von Deiner. Du sprachst über die Erfahrungen Deiner Familie mit dem Holodomor. Da alle meine Verwandten aus der Westukraine stammen, habe ich nicht so viel davon mitbekommen. Stattdessen erzählte ich von meinen tapferen Tanten, die sich der ukrainischen Partisanenarmee anschlossen und später in russischen Konzentrationslagern in Sibirien inhaftiert wurden.
Das Lokal war halbdunkel und mit Kerzen beleuchtet. An diesem Abend lernten wir uns richtig kennen: ein Mädchen, dessen Familie aus Lviv stammte, und ein Mädchen, dessen Familie aus der östlichen Sloboda-Ukraine stammte, die beide in Lviv gelandet waren und das Gepäck der familiären Erinnerung mit sich trugen, das sie geprägt hatte.
Irgendwann kam ein Bekannter auf uns zu, offensichtlich um mit uns zu plaudern. Wir sagten, dass das kein guter Zeitpunkt sei, weil wir uns unterhalten wollten, woraufhin er antwortete: "Ah, ich verstehe, ihr habt Euren Girls Talk."
Seitdem bezeichneten wir jedes Gespräch über Trauma, Völkermord und Unterdrückung als "Girls Talk".(14)
(1) https://ukraineverstehen.de/truth-hounds-dokumentation-kriegsverbrechen-koval/
(2) https://t4pua.org/en/1202
(3) https://ukraine242podcast.buzzsprout.com/1986394/episodes/12907110-victoria-amelina-writers-and-war-crimes
(4) https://www.5am.in.ua/en
(5) https://www.codastory.com/armed-conflict/a-day-in-the-life-of-a-russian-war-crimes-prosecutor-in-ukraine/
(6) Vakulenkos Tagebuch ist inzwischen auch in deutscher Übersetzung erschienen: https://www.mauke-verlag.de/volodymyr-vakulenko
(7) https://www.eurozine.com/cancel-culture-vs-execute-culture/?
(8) https://www.youtube.com/watch?v=iEYb07Ppmgg
(9) https://www.youtube.com/watch?v=qNWwbZJfskI
(10) https://ukraineworld.org/en/podcasts/ep-277, ab 38:20
(11) https://truth-hounds.org/en/cases/the-bill-is-on-you-identification-of-the-unit-responsible-for-the-missile-attack-on-kramatorsk-and-bilenke-on-the-27-june-2023/
(12) https://www.edition-fototapeta.eu/amelina
(13) Möglicherweise ändert sich das nun: Für November 2025 ist eine deutsche Ausgabe von „Dom’s Dream Kingdom“ angekündigt.
(14) Nothing Bad Has Ever Happened: A Bouquet for Victoria Amelina. Edited by Askold Melnyczuk, Boston, 2023, S. 31ff
Foto:
©
Info:
Die Artikel folgen der Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag am 27. 1. 2025 in der Stadtkirche Aalen
Video-Aufzeichnung: https://www.youtube.com/watch?v=gX_iyBeUyKY
Leseempfehlungen
Zur Gewaltgeschichte Osteuropas:
Timothy Snyder: Bloodlands
Europa zwischen Hitler und Stalin C.H.Beck, 34.- €
Zum Holodomor:
Anne Applebaum: Roter Hunger
Stalins Krieg gegen die Ukraine Siedler, 39.- €
Zur Geschichte Ukraines:
Serhii Plokhy: Das Tor Europas
Die Geschichte der Ukraine Hoffmann und Campe, 30.- €
Yaroslav Hrytsak: Ukraine
Biographie einer bedrängten Nation C.H.Beck, 34.- €
Literarische Annäherungen:
Francesca Melandri: Kalte Füße
Wagenbach, 24.- €
Andrej Kurkow: Im täglichen Krieg
Haymon, 22.90 €
Namen und Schreibweisen
Dieser Text weicht in zweierlei Hinsicht vom allgemeinen Sprachgebrauch ab:
- Ukrainische Orte werden mit ihren ukrainischen Namen bezeichnet. Die in der deutschen Sprache gebräuchlichen Ortsnamen sind nahezu durchgängig Transkriptionen der russischen Bezeichnungen: Die Hauptstadt Ukraines heißt „Kyiv“ (oder „Kyjiv“). „Kiew“ ist die Transkription des russischen Namens der Stadt. Odesa etwa wird im Ukrainischen mit einem „s“ geschrieben, das Doppel-S entspricht der russischen Schreibweise. Chernobyl heißt eigentlich Chornobyl, der Dnjepr Dnipro. Im deutschen Sprachgebrauch spiegelt sich also unreflektiert der Blickwinkel der Kolonialmacht wider.
- Das Land wird als „Ukraine“ bezeichnet und nicht als „DIE Ukraine“. Der im Deutschen gebräuchliche Artikel verweist ebenfalls auf eine koloniale Sichtweise: Sie nimmt nicht ein politisches und gesellschaftliches Gemeinwesen, eine Nation, in den Blick, sondern vielmehr ein Territorium. Weitergedacht: Ein Territorium, das in irgendjemandes Besitz ist, eine Art Niemandsland, eine Kornkammer, bereit für den Eroberer. So haben das die Zaren gesehen, die Bolschewiki und auch die Nazis. Auch diese mentale Erbschaft gilt es sich bewusst zu machen - und auszuschlagen.
Bisherige Artikel der Serie
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https://weltexpresso.de/index.php/zeitgesehen/33971-wir-werden-eine-million-toeten-oder-5-millionen-oder-euch-alle-ausrotten
https://weltexpresso.de/index.php/zeitgesehen/34015-schreibt-tagebuch-2