DER TOTE MIT DEM SILBERZEICHEN von Robert Galbraith auf Platz 10

Der tote Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Geschafft! Geschafft, war das aufatmende Gefühl am Ende der Weihnachtszeit, als die 1247 Seiten des „Ein Fall für Cormoran Strike“ gelesen waren. Gerne gelesen, das muß man ausdrücklich hinzufügen, aber das dicke Buch in den Händen zu halten, ist anstrengend und das Hin und Her im Nicht-den-richtigen-Moment-Finden und immer im Falschen-Moment-Handeln der beiden beruflich Verquickten und sich nur insgeheim Liebenden, dem willens- und handlungsstarken Cormoran Strike und der stärker gefühlsbetonten Robin Ellacott geht einem irgendwann doch auf die Nerven, zumal Robin ja noch mit dem Polizisten liiert ist, der diesmal äußerst unangenehm herüberkommt. Das geht nicht mehr lange gut, denkt sich von Anfang an die Leserin, aber am Schluß existiert diese schwer angeschlagene Beziehung immer noch.

 

Warum es wichtig war, zu erwähnen, dass die Lektüre weit über drei Wochen zurückliegt, hat damit zu tun dass man die Handlung absolut im Gedächtnis behält und sich fragen muß, warum eigentlich. Ursache sind zwei Sachverhalten: die Geschichte, die Krimigeschichte selbst ist so ungewöhnlich, dass man sie sich merkt und die Art und Weise der detaillierten Schreibweise der Autorin erzwingt genaues, ja langsames Lesen, das wohl stärker in der Erinnerung bleibt, als rasante Thriller es können. Na gut, der Autor, das weiß ja inzwischen jeder und jede ist die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling, die hier ihren achten Kriminalroman vorlegt. Wir kennen viele, leider nicht alle und wenn man sich nach 1247 Seiten vornimmt, diese auch noch lesen zu wollen, kann man hier eigentlich die Rezension schließen, denn nicht die Handlung selbst ist wichtig, sondern eben auch die Aussage, ob sich das Lesen lohnt. Ja also, unbedingt. Wenn man Zeit hat, denn die braucht man, wobei es beim Lesen ja umgekehrt geht, man liest einfach und die Zeit muß sich dann schon selbst darum kümmern, wie alles andere, die Termine, die Arbeiten geschafft werden.

 

Der Fall ist abenteuerlich, aber den Engländern ist so was eben zuzutrauen. Genau, dieser Kriminalroman ist so was englisch! So skurril geht es einfach anderswo nicht zu. Und sofort muß ich daran denken, dass vor Jahren ein Film aufzeigte, warum die Contergan-Opfer in England eine höhere monatliche Entschädigung als in allen anderen Ländern von der deutschen Firma Grünenthal erhalten.

Die Thalidomid-Geschädigten, wie Contergan dort hieß, traten einfach sehr viel selbstbewußter auf, weil eine derartige körperliche Behinderung in England eben nicht den erwartbaren Ausschluß aus der Gesellschaft bedeutet, wie anderswo, weil die Engländer generell Abweichungen vom Normalmaß in jeder Richtung zulassen. Kein Wunder, dass der Begriff Spleen es ins Deutsche geschafft hat, denn in England hat sozusagen jeder einen und ist noch stolz darauf. Das bereitet jetzt auf Cormoran Strike vor, denn der ist der Ausbund eines solchen Engländers und geht zudem gelassen damit um, dass ihn die Leute ständig als Cameron ansprechen. Natürlich in Cornwall geboren, wo es noch individueller, also unkonventioneller als anderswo zugehen soll, ziemlich begütert, hat er in der Armee Karriere gemacht, was ihn einen Unterschenkel kostete, weshalb diese Karriere zu Ende war und er eine Privatdetektei in London aufmachte, in der auch Robin Ellacott arbeitet, die aus Yorkshire, weil im Norden, kommt und Strikes Geschäftspartnerin ist (und seine Angebetete). Er selbst wohnt über der Detektei sehr bescheiden.

Höchste Zeit vom Fall zu erzählen, der auch den englischen Adel miteinschließt, denn dass es da besonders skurril zugeht, weiß ja inzwischen jeder. Eine Miss Mullins hatte Strike zur Delamore Lodge bestellt; er weiß weder, um was es geht und statt der erwarteten ländlichen Schönheit begrüßt ihn die gedrungene, von Tüchern verhüllte Decima Mullins und erklärt ihm, dies Anwesen sei der Besitz der verstorbenen Tante, den sie renovieren wolle. Erst als er ihr zusagt, dass nichts von dem, was sie ihm erzählen will, er weitersagt, öffnet sie ihr Herz und anschließend ihre Tücher. Ihr Geliebter ist verschwunden und sie ist sicher, dass er das Mordopfer bei einem Einbruch eines Silberhändlers ist. Sie braucht die Bestätigung von seinem Tod – nur darum geht es, nicht um Aufklärung, sondern nur, dass er der Tote ist, dessen Namen sie erst nicht sagen will – und als es unter ihrem Umhang zu schreiben beginnt, kommt ein drei Wochen altes Baby zum Vorschein, dass Decima vor der Welt versteckt und dessen Vater, sie ist sich sicher, der Tote im Silberladen ist. Denn nur so ist zu erklären, dass er die Schwangere im Stich ließ und nicht aufzutreiben ist. Seine reiche Tante in der Schweiz, wo der Elternlose unter miesen Bedingungen aufwuchs, erzählt allen, ihr Neffe sei in die USA gegangen. Doch sie verweigert jegliche Hilfe, wo konkret er sein könne.

Decima kommt aus einer reichen Familie, betreibt in London ein angesagtes Lokal, was derzeit ohne sie läuft. Kenner wissen um die jahrelange Liebschaft Strikes mit der schönen, aber labilen Charlotte, die zu viel trank und sich immer umbringen wollte und es dann auch tat. Decima ist mit der Familie verwandt, es ist dieselbe Sippschaft die beide, Decima und Cormoran nicht leiden können, weshalb er den Fall übernimmt, obwohl ihm die Geschichte nicht geheuer ist. Nein, er soll keinen Mord aufklären, sondern nur felsenfest beweisen, dass der Tote im Tresorraum ihr Geliebter und Vater ihres Sohnes ist. Sie baut sogar darauf, sie hofft, dass er der Tote ist, damit sie damit abschließen kann. Denn es gibt keine andere Erklärung für sein Schweigen, wo er doch um ihre Schwangerschaft wußte. Sie glaubt einfach nicht, dass er ohne Abschied abgehauen ist, noch dazu nach Amerika, was diese Tante, die ihm nur Schlechtes antat, behauptet.

Was jetzt alles passiert, läßt sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen. Es ist ein Ritt über den Bodensee, wo Strike sich einerseits mit den einzelnen des so arrogant wie verbrecherischem Adelssproß auseinandersetzt, die auf der Suche nach dem Vermißten sich verdächtigt machen, wo andererseits die Untersuchung der Detektei den Umständen des Einbruchs im Tresor des Silberhändlers gilt. Denn viele der Silbergegenstände sind Freimaurerstücke und dem Geschehen entlang gilt das Interesse von Comoran und Robin der Spur der Freimaurerspur, in London sowieso, aber auch in Nordengland, wohin beide fahren. Jedesmal sucht Comoran im laufenden Fall eine Gelegenheit, sich zusammen mit Robin auf den Weg zu machen, wo er ihr endlich seine Gefühle gestehen will, aber immer kommt etwas dazwischen. Robin dagegen ist im Gefühlsstreß, weil sie netter zu Freund Ryan ist, als ihren Gefühlen entspricht. Er will mit ihr zusammenziehen, ein Haus kaufen und hat schon den Verlobungsring, wartet nur auf die Gelegenheit, die Robin dauernd verhindert.

Daneben werden aber noch andere Aufträge abgearbeitet. Die Detektei muß schließlich ihre Angestellten bezahlen. Auch diese Fälle sind so was von Englisch, wie man sich nur wünschen kann.

Entscheidend ist, dass Strike mit Hilfe von Robin tatsächlich seinen Auftrag der unglücklichen Mutter erfüllen kann. Das ist alles etwas anders, als vermutet. Aber für Decima sieht die Zukunft gut aus, sie wird wieder arbeiten und ihr Kind nicht mehr verheimlichen. Was mit Strike und Robin passiert, wird der neunte Fall zeigen.

Keine Frage, sie ist eine verdammt gute Autorin, die unter Robert Galbraith firmiert.


Die besten Krimis im Januar 2026
 
1 (9)
Die Eskimo-Lösung
Pascal Garnier
Aus dem Französischen von Felix Mayer
140 Seiten
20 Euro
Septime

Ein Autor muss einen ungeliebten Kriminalroman fertigstellen: Von Konsumismus und Idiotie genervt
mordet Louis seine Mutter und die Eltern von Bekannten, um ans Erbe zu kommen. Dann kommt des
Autors pubertäre Stieftochter zu Besuch. Literarische Phantasien und Wirklichkeit verschmelzen.
Die Geburt des Noir aus Weltekel.


2 (1)
Adama
Lavie Tidhar
Aus dem Englischen
von Conny Lösch
425 Seiten
22 Euro
Suhrkamp

„Kibbuz Trashim“ 1945–2009. Adama heißt Erde. Daran gefesselt sind Matriarchin Ruth,
ihre Schwester und Kinder. Nach dem Holocaust haben sie nichts anderes. Nach
„Maror“ geht Tidhar weiter zurück in die frühe Zeit Israels. Sie ist voller Blut, Vertreibung,
Verrat, Verbrechen, Einsamkeit, mit Leben bezahlt. Umwerfend.


3 (-)
The Tainted Cup
Robert Jackson Bennett
Aus dem Englischen
von Jakob und Karla Schmidt
416 Seiten 16,95 Euro
Adrian & Wimmelbuchverlag

„Daretana‟. Am Rand des Imperiums attackieren Meeresungeheuer die Küste. Dann wird ein Offizier
von einem Baum aufgespießt – der aus seinem Körper gewachsen ist. Die exzentrische Ermittlerin
Ana Dolabra und ihr Assistent Dinios Kol vermuten eine politische Verschwörung.
Thriller trifft auf Fantasy. Magisch!


4 (-)
Penance
Eliza Clark
Aus dem Englischen
von Simona Turini
492 Seiten
24,99 Euro
Festa


„Crow-on-Sea“, Nordengland. Drei Teenagerinnen ermorden eine Mitschülerin. Ein
in Ungnade gefallener Journalist will die Hintergründe dieses Verbrechens aufdecken. Sein Buch:
ein True-Crime-Hit. Aber erzählt er die ganze Wahrheit? Ein clever
konstruierter Roman – voller bissiger Einsichten in das Genre True Crime.


5 (5)
Der Wortschatz des Todes
Martin von Arndt
288 Seiten
18 Euro
Ars vivendi

„W.“ Weil ihr Bruder bei der Antifa war, konnte Irina nicht beim BKA bleiben. Jetzt,
als Privatdetektivin, soll sie seinem Kumpel Oleksi helfen, der den Mord an einem polnischen
„Geschäftsmann“ gestanden, aber nicht begangen hat. Mit Anwalt Bergmann stöbert sie –
selbst russische Dissidentin – ein Netz von Putins Agenten auf. Klasse.


6 (4)
Ein widerliches kleines Gefühl
Regina Nössler
334 Seiten
14 Euro
Konkursbuch

Berlin. Evelyn ist Teamleiterin einer Softwarefirma und mit sich zufrieden. Bis Jennifer auftaucht, die die „
alte Freundschaft“ aus Grundschulzeiten erneuern will. Je öfter Jennifer ungefragt bei ihr ein und aus geht,
desto mehr kippt Evelyn aus ihrem Leben. Sie muss Jennifer loswerden.
Nössler dreht an Albtraumspiralen.


7 (-)
Minnesota
Jo Nesbø
Aus dem Norwegischen
von Günther Frauenlob
407 Seiten
24,99 Euro
Ullstein

Minneapolis, 2016. Ein Serienkiller jagt Gang-Mitglieder, NRA-Lobbyisten – und
Politiker, die für das Recht kämpfen, Waffen zu tragen. Ausgerechnet Detective Bob
Oz ermittelt, dessen Tochter bei einem Unfall mit einer Dienstpistole ums Leben
gekommen ist. Ein dunkler, europäischer Blick auf den Waffenfetisch in den USA.


8 (3)
Repair Club – Der Countdown läuft
Charles den Tex
Aus dem Niederländischen von Simone
Schroth
463 Seiten
14 Euro
HarperCollins

Den Haag, Afghanistan. Ein Afghane zeigt John Antink, dem früheren Geheimdienstchef, ein Foto
mit einer getöteten Frau. 14 Tage haben er und die Freunde vom Repair Club Zeit, den Schützen zu
identifizieren. John muss an die Lücken seines Gedächtnisses. Was ist vor 18 Jahren geschehen?
Brillant: Wiederkehr des Verdrängten.


9 (7)
Eines jungen Mannes Reise in die Nacht
Håkan Nesser
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
352 Seiten
25 Euro
btb

„Kymlinge“, Norbotten. Gibt es eine Pflicht zu töten? Erik, gerade mal 15, Krimifan, ist fest davon überzeugt. Und schon
sind der strenge Sportlehrer und der Lover seiner Schwester erschossen. Die Polizei rätselt: keine Spuren, kein Motiv, kein Sinn.
Philosophisch, theologisch, politisch – und eine zarte Liebesgeschichte. Großartig.


10 (7)
Der Tote mit dem Silberzeichen
Robert Galbraith
Aus dem Englischen von
Wulf Bergner, Christoph
Göhler, Kristof Kurz
1247 Seiten
32 Euro
Blanvalet

London. In einer Silberhandlung liegt eine verstümmelte Leiche. Decima Mullins
glaubt, der Tote sei der Vater ihres Babys und beauftragt Cormoran Strike und Robin
Ellacott nachzuforschen. Sie stoßen auf weitere Vermisste und eine Freimaurerloge,
werden bedroht und haben mit ihren Beziehungsproblemen zu kämpfen. Souverän.



Wie funktioniert die Abstimmung?
18 Spezialistinnen und Spezialisten für Kriminalliteratur aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz schlagen aus der laufenden Produktion jeweils
vier Titel vor, die sie mit sieben, fünf, drei Punkten oder einem Punkt bewerten. Der so gefundene Punktwert pro Titel wird mit der Zahl der für ihn abgegebenen Stimmen multipliziert. Daraus wird die monatliche Liste berechnet.
Die Titel sind nicht älter als ein Jahr.

Die Jury
Kolja Mensing, Sprecher der Jury, »Deutschlandfunk Kultur« | Volker Albers, »Hamburger Abendblatt«, »Krimifestival Hamburg«|
Gunter Blank, »Rolling Stone« | Wolfgang Brylla »CrimeMag« | Katrin Doerksen, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Kino-Zeit«, »Deutschlandfunk Kultur« | Hanspeter Eggenberger, »krimikritik.com« | Tobias Gohlis, »Recoil« | Fritz Göttler, »Süddeutsche Zeitung« | Jutta Günther, »krimi-frauen.de« | Sonja Hartl, »Zeilenkino«, »Deutschlandfunk Kultur«, »SWR« | Hannes Hintermeier, »Frankfurter Allgemeine Zeitung« | Alf Mayer, »CulturMag«, »Strandgut« | Marcus Müntefering, »Der Spiegel« | Ulrich Noller, »Deutschlandfunk«, »SWR«, »WDR« |
Frank Rumpel, »CrimeMag« | Ingeborg Sperl, »Der Standard« | Sylvia AStaude, »Frankfurter Rundschau« | Maria Wiesner »Frankfurter Allgemeine Zeitung«

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